Von Adolf Endler

Vor 1956 hatte ich einen Stammplatz in der Versammlung der jungen Schriftsteller gehabt. Nach der Entlassung fand ich nicht zurück zu den Schriftstellern.“ Daß es auch in Kádár-Ungarn, im Ungarn des „Gulaschkommunismus“, nicht ganz so „liberal“ zugegangen ist, wie es uns Budapester-Rundschau-Lesern in der noch erheblich tristeren und eingeschnürteren DDR zuweilen erschienen ist, das verdeutlichen nicht nur die zum Teil ironischen, zum Teil sanft-pathetischen Mitteilungen der „Erinnerung an die schönen alten Zeiten“ des 1931 geborenen István Eörsi, mit welcher sich der Autor vor allem seiner Gefängnsijahre zwischen 1956 und 1960 vergewissert, ohne mit stacheligen und sarkastischen Rutenhieben quer durch die Zeiten zu sparen.

Auch die Entstehungs- und Publikationsgeschichte dieser 300 Seiten autobiographischer Prosa (bei deren Lektüre man alle „Abspänne“ vergißt) erklären, warum das Werk noch 1988 nur im Underground, in einer Samisdat-Ausgabe erscheinen konnte. (Eine Folge der „Tonlage“ und des Inhalts dieses Buches, und keinesfalls nur durch den Umstand begründet, daß István Eörsi 1982 wieder einmal mit einem „Berufsverbot“ geehrt worden war, nachdem er in den Jahren zuvor mit einigen anderen Intellektuellen der tschechoslowakischen „Charta 77“ seine Reverenz erwiesen hatte; ja, „immer dieselben“, nicht wahr?)

Um naheliegenden Mißverständnissen zuvorzukommen: Es handelt sich nicht im geringsten um eine weitere jener in saloppem oder wacklig-hölzernem Stil dargebotenen Enthüllungsscharteken (obwohl es nebenher auch eine Abrechnung darstellt), derer wir inzwischen trotz gelegentlicher Berechtigung etwas überdrüssig geworden sind; es handelt sich über viele Seiten hin um blitzende Literatur, der Feder eines durch Heine „erzogenen“ Literaten entsprossen, dem allzu schnauzbärtig oder kokett auftrumpfende Wichtigtuerei ebenso zuwider ist wie dem Rezensenten und der sein widersprüchliches Naturell mit den Worten charakterisiert: „Auch ich neige zum Pathos, versuche aber, diese Neigung mit Ironie zu kompensieren; das Gemisch, das daraus entsteht, reizt sogar meine Freunde bis aufs Blut, geschweige denn ein Gericht im Jahr 1957.“

Auch bei der Kenntnisnahme des Gefängnisbuches von Eörsi mag es den einen oder anderen „bis aufs Blut“ reizen (falls er nicht doch ein trockenes Auflachen vorzieht), wenn er sich wiederfindet in der Serie biographischer Miniaturen, aus denen sich das Buch zu großen Teilen zusammensetzt, viele liebevoll, manche mit böser Lust gearbeitet, ohne Rachgier alle. Eörsi: „Die Rachgier und den Haß haben längst Verachtung und Abscheu abgelöst“ – oh, wie wir das kennen! –, „die mich auch zur Zeit der Verdrängungs- und Umschreiblehrgänge des kollektiven Gedächtnisses nicht im Stich gelassen haben.“

Diskrete Handschellen

Freilich, auch Verachtung und Abscheu dürften nicht die dienlichsten Gifte sein, wenn man vom Ehrgeiz besessen ist, gute und luftige Prosa zu schreiben. Tatsächlich teilt sich bei der beschwingten Lektüre als beherrschender Eindruck etwas ganz anderes mit, nämlich der einer jünglingshaften Schreibe- beziehungsweise Formulierungslust eines nicht zufällig dem Theater verfallenen Autors, welchem es gelingt – man stelle sich die Zeile in einem Buch von Janka vor! –, sogar seinen Auftritt vor einem gnadenlosen Gericht folgendermaßen zu rezensieren: „... ich nehme an, daß ich nicht zur Bestform auflaufen konnte.“ (Keine Freiheit des trefflichen Ubersetzers Hans Skirecki; wir haben es überprüft.)