Von Robert Leicht

Je länger die Diskussion über Manfred Stolpe sich hinzieht, von Aktenfund zu Aktenfund, desto stärker polarisiert sich das Bild: hier der Verdacht, dort das Vertrauen. Immer schwerer fällt es, die Wirklichkeit nüchtern einzuschätzen.

Am vorigen Wochenende sorgten zwei Meldungen für neue Aufregung. Die eine betraf Stolpes Akten bei der Stasi, die andere seine Verhandlungen mit der Partei, mit der SED.

Zum einen hieß es, über Stolpe sei eine IM-Akte angelegt gewesen, er sei also als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi geführt worden. (Der seinerzeit zuständige Stasi-Oberst Joachim Wiegand – was immer von solchen Offizieren als Zeugen zu halten ist – gab aber sogleich und später auch vor dem Generalbundesanwalt entlastende Erklärungen ab: Stolpe sei ohne sein Wissen "abgeschöpft" und abgehört, außerdem seien die Ergebnisse ohne sein Wissen in einer IM-Akte "Sekretär" gesammelt worden – wie bei insgesamt elf hochrangigen Kirchenleuten.)

Zum anderen wurde ein Vermerk zitiert, den Günter Hoffmann, der Stellvertreter des Oberbürgermeister für Inneres beim Magistrat von Ost-Berlin, am 8. März 1988 gefertigt hatte, nach einem Gespräch mit Stolpe. In dieser Unterredung soll sich Stolpe abfällig über Ausreisewillige geäußert haben. Die Kirche wolle nicht als "Ausbürgerungszentrale" fungieren oder erscheinen. Stolpe habe die Oppositionellen als "am Rande des Terrorismus stehend" bezeichnet und von mehreren hundert "Verrückten" gesprochen.

Auf den ersten Blick wirken solche Mitteilungen gewiß kompromittierend. Aber was ist ihr Wahrheitsgehalt, und worin liegt ihre Bedeutung? In welchem Zusammenhang müssen die Stasi-Protokolle gesehen werden, bevor sie einigermaßen wirklichkeitsgetreu eingeordnet werden können?

Bisher leidet die Diskussion über Manfred Stolpe, und nicht nur über ihn, an gravierenden Verzerrungen.