Brome

Wer noch immer meint, gesellschaftliche Stellung werde in Hubraum und PS gemessen und die Kühlerhaube spiegele den Status wider, dem bietet sich jetzt eine einmalige Gelegenheit: Die Staatskarosse Erich Honeckers steht zum Verkauf. Der Autohändler Bernhard Gades aus dem niedersächsischen Örtchen Brome, unweit der VW-Stadt Wolfsburg und nur einen Steinwurf von der früheren innerdeutschen Grenze entfernt, hat das staatliche Automobil gemeinsam mit sechs weiteren Statuskarossen des untergegangenen Arbeiter-und-Bauern-Staates ins Sortiment seines Gebrauchtwagenhandels aufgenommen.

Selbstverständlich handelt es sich bei keinem der Politbüro-Modelle um ein DDR-Fabrikat – hätte Honecker etwa bei den Mächtigen dieser Welt im Trabi vorfahren sollen? Da mußte – wenn schon kein Mercedes – wenigstens ein nicht minder robuster Volvo her, genaugenommen ein Volvo GLE. Und das nicht etwa in der Standardausführung. Die vornehme dunkelblaue Limousine mußte für den greisen SED-Chef etwas länger sein – genaugenommen achtzig Zentimeter. Eine belgische Spezialfirma hatte 1987 den Zuschlag erhalten, die Sonderwünsche auszuführen. Überflüssig zu erwähnen, daß das edle Gefährt dabei mit allen nur erdenklichen Extras ausgestattet wurde – von der Bar bis zum Bordtelephon. Gemessen daran mutet der geschätzte Anschaffungspreis – 250 000 Mark, natürlich West – eher bescheiden an.

Was den Volvo letztlich zur Staatskarosse macht, ist ohnehin nicht mit Geld zu bezahlen: Standartenhalter rechts und links mit dazugehörigen Fähnchen, in die das Staatswappen der DDR von Hand eingestickt ist. Ohne größere Umstände dürften sich Hammer und Zirkel auch aus dem Emblem herauslösen lassen – übrig bliebe das Bekenntnis zur deutschen Nation in Schwarz-Rot-Gold.

Die herrenlosen Dienstfahrzeuge von Mielke, Mittag und Co. bleiben verständlicherweise geringfügig hinter dem Standard des Chef-Volvos zurück. Die Distanz zwischen dem obersten Staats- und Parteilenker und seinen Gehilfen drückt sich exakt in sechzig Zentimetern aus. Um dieses Maß nämlich mußten die Limousinen der zweiten Garnitur kürzer sein. „Tipptopp“, versichert der Autohändler, der die Schlitten von der Treuhand erworben hat, „tipptopp sind sie erhalten, so gut wie neu.“ Daß der 170-PS-Schlitten Honeckers 40 000 Kilometer unterwegs war, mindert seinen Wert nicht.

Und wenn er seinen einstigen Besitzer auch nicht vor dem Sturz ins Bodenlose bewahrt hat, dem Autohändler aus Brome beschert der Volvo ein grandioses Coming-out. Gades hat in den vergangenen Jahren viel Geld damit verdient, Gebrauchtwagen von West nach Ost zu verkaufen, sein Autohandel an der ehemaligen Zonengrenze entpuppte sich als Goldgrube. Seine derzeitigen Gebrauchtwagen sollen nun den umgekehrten Weg gehen: von Ost nach West. Das Interesse sei groß, die Anfragen kämen aus aller Welt, erzählt er. Auch in englischen und amerikanischen Zeitungen habe er seine Treuhand-Erwerbungen inseriert. Wer letztlich den Zuschlag erhält, dürfte vor allem eine Frage des Preises sein. Welche Summe ihm da vorschwebt, verrät der Autohändler verständlicherweise ebensowenig wie den Einkaufspreis. Doch draufzahlen wird er am Ende gewiß nicht.

Schließlich haben sich für die luxuriösen Gefährte gefallener Tyrannen immer noch potente Liebhaber gefunden. Den gepanzerten Mercedes Adolf Hitlers beispielsweise übernahm ein reicher US-Bürger, die Yacht von Hermann Göring ging in den Besitz des Tagebuch-Fälschers Gerd Heidemann über. Und die Jagd von Hermann Göring vereinnahmte Erich Mielke, der sich bekanntlich wieder aus dem Revier zurückziehen mußte. Heute gehen dort Wirtschaftsbosse aus dem Westen auf die Pirsch.