Richard Teitelbaums zweiter Vorname ist Lowe, Lowe wie Löw. "Zufall und doch kein Zufall", sagt der amerikanische Komponist, denn mit Rabbi Löw, dem kabbalistischen Mystiker, fühlt er sich eng verbunden. Als er vor sieben Jahren auf dem alten jüdischen Friedhof in Prag dessen Grab besuchte, spürte er so etwas wie Seelenverwandtschft: Auch Teitelbaum träumt von einer selbsterschaffenen künstlichen Kreatur – einem "Golem".

Rabbi Löw, so geht die Legende, hatte seinen Homunkulus, der die Juden im Prager Ghetto vor Pogromen beschützen sollte und doch zum Schrecken verbreitenden Monster wurde, aus dem Lehm des Moldau-Ufers geformt – Teitelbaum arbeitet mit einem Computerverbund, Samplern, Steuerkreisen und live audio signal processing. Der Rabbi hatte seinem Golem das hebräische Wort emet – Wahrheit – in die mächtige Stirn geritzt und ihm mit kabbalistischen Zauberformeln Leben eingehaucht – der Computerexperte im High-Tech-Zeitalter setzt auf eine interaktive Vernetzung seiner elektronischen Systeme, mochte aber auf die lebensspendenden Kräfte der Magie doch nicht ganz verzichten: Klänge vom Flußufer der Moldau und Texte aus dem hebräischen "Buch von der Schöpfung" hat Teitelbaum aufgezeichnet und digital verfügbar gemacht. Mit Hilfe einer Tastatur können diese Formeln "gespielt" werden. Und plötzlich geht der Golem wieder um – auf der Bühne des Berliner Hebbel-Theaters, in einer wilden Multimedia-Performance, die Richard Teitelbaum "interaktive Oper" nennt.

Durch einen Gazevorhang blickt man in den nachtschwarzen Bühnenkasten. Aus Lautsprechern tönen rauhe, atemähnliche Geräusche. Es zuckt ein Blitz. Es knallt. Flämmchen leuchten auf. Im Orchestergraben erhebt sich Teitelbaum hinter seinen Geräten und schlägt mit dem Bleistift einen Einsatz. Das Stück beginnt genregerecht mit der Dramatik eines alten Frankenstein-Films. Dann zieht sich die Musik auf breite, ruhige Akkordflächen zurück, und in dem synthetischen Zwitschern und Strömen glaubt man in der Tat wie von Ferne etwas von der Atmosphäre am Moldau-Ufer zu vernehmen. Auf der leeren, rotierenden Drehbühne kreist einsam die Stimmartistin Shelley Hirsch. Ihre Improvisationen aus expressiven, kürzelhaften Vokalisen und phonetischer Lautmalerei, per Live-Elektronik modifiziert, klingen wie eine Geheimsprache aus einer anderen Welt. Bevor der Golem-Darsteller David Moss erscheint, hören wir ein schlichtes jüdisches Volkslied. Aus dem Orchestergraben fallen immer wieder die Free-Jazz-Musiker George E. Lewis (Posaune) und Carlos "Zingaro" (Geige) mit wild gezackten Motivlinien ein. Zwei Klaviere ohne Spieler rattern mechanisch repetierte Figuren, den Player Pianos von Conlon Nancarrow nicht unähnlich. Die Musik mündet nach einer knappen Stunde schließlich in ein rabiates Klanggewitter, wenn David Moss als amoklaufendes Monster auf einer Schlagzeugbatterie aus rostigen Blechteilen, Tonnen, Benzinkanistern und Schaufeln wütet. Ein apokalyptisch dröhnendes Finale, dem Teitelbaum einen versöhnlichen Epilog mit Synthesizerakkorden und Flötenklängen folgen läßt. Während des gesamten Stücks schweben zudem drei Videomonitore über der Bühne, auf denen wir kurze Bildsequenzen aus Paul Wegeners expressionistischem Stummfilmklassiker "Der Golem: Wie er in die Welt kam" sehen. Die Szenen bewegen sich vorwärts und rückwärts, beschleunigt und verlangsamt oder erstarren zu Standbildern. Ausgelöst und reguliert werden die Bewegungen unmittelbar von der Musik, von festgelegten Tonhöhen oder rhythmischen Impulsen der Instrumentalisten.

Teitelbaums "interaktive Oper", vor knapp drei Jahren am Jewish Museum in New York uraufgeführt, ist eine krude Mischung aus scheinbar anarchischer Improvisation, hochorganisierter Technik und esoterischer Versenkung. Sie verknüpft auf abenteuerliche Weise die strenge Logik der Computerwelt mit jüdischer Geheimwissenschaft. Aus ihr spricht unverhohlen die Lust an der Reizüberflutung des Videoclip-Zeitalters. Sie ist geprägt von einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit im Umgang mit heterogensten Stilen: mit avantgardistischem Free Jazz, synthetischem Klangrealismus der Musique Concrete, Experimentierlust eines Charles Ives oder ungestümen Gebärden der New Yorker Noise-Popmusiker, sogar den Arbeiten eines Iannis Xenakis.

Richard Teitelbaum hat Kompositionsunterricht bei Goffredo Petrassi und Luigi Nono in Italien genommen, spielte in den wilden sechziger Jahren zusammen mit Frederic Rzewski in der Gruppe Musica Elettronica Viva und erforschte in freier Gruppenimprovisation zwischen Elektronik, Geräusch und Meditation "die Tiefen seines Bewußtseins". Seit mehr als zehn Jahren nun arbeitet Teitelbaum an Klavierrobotern und "intelligenten" Musikcomputersystemen.

Mit der bürgerlichen "Oper" hat Teitelbaum nichts im Sinn. Er interessiert sich nicht für lineare Erzählstrukturen oder Figurenentwürfe. Der karge szenische Rahmen (Inszenierung: Adrienne Weiß) spielt lediglich eine untergeordnete Rolle. Der Golem soll weniger auf der Bühne als vielmehr in den Schaltkreisen des Computers erwachen: Die Elektronik verarbeitet die musikalischen Äußerungen der Ausführenden und gibt sie ohne Zeitverzögerung in kontrollierten Echoschüben oder als stark verfremdete Varianten wieder an die Lautsprecher zurück. Die so manipulierten Klänge werden erneut verarbeitet. Es entsteht ein Kreislauf, in dem die akustischen Signale mit sich selbst kommunizieren, sich "zuhören" und "antworten".

Das klingt nach heilloser Technikgläubigkeit. Ein fortschrittshöriger Doktor Frankenstein der experimentellen Musik ist Teitelbaum jedoch nicht. Im Gegenteil: Der Golem-Mythos ist für ihn nicht nur die Metapher für selbstertüftelte, künstliche Intelligenz. Er steht auch für die Bedrohung einer aus den Fugen geratenen Technologie. Man dürfe, sagt Teitelbaum, die Computertechnik nicht den Militärs und der Wirtschaft überlassen. Im heiklen Spannungsfeld zwischen Mensch und Maschine triumphiert in seiner Komposition bei allem liveelektronischen Raffinement der Mensch über die Technik und nicht umgekehrt; denn es ist in erster Linie die Spontaneität der improvisierenden Musiker, mit der der musikalische Homunkulus gefüttert wird. Ob der allerdings tatsächlich "beseelt" wird, ist reine Glaubenssache. Das musikalische Resultat zumindest bleibt, was die künstlerische Qualität angeht, ein Phantom: fragmentarisch und spekulativ, monströs und doch mit faszinierenden Momenten.

Claus Spahn