Von Vera Gaserow

Blaß und schmal sitzt Boi Van Nho auf der Stuhlkante. Zum Umpusten sieht er aus, wie er da in dem kahlen Zimmer eines Berliner Arbeiterwohnheims hockt. Manchmal versucht sein Mund ein höfliches Lächeln, die Augen bleiben teilnahmslos und müde. Seit Wochen kann Boi Van Nho nicht mehr richtig schlafen, und dann – er macht eine kreisende Bewegung um sein rechtes Ohr – dieses ständige Sausen im Kopf. Wenn der 42jährige Familienvater aus Nordvietnam sich etwas besser fühlt, spricht er zu Freunden auch von Glück: "Ich lebe ja noch."

Am 14. Oktober 1991, es ist ein Montag, steht Boi Van Nho in der Ostberliner Betonsiedlung Hellersdorf an der Bushaltestelle. Es ist drei Uhr nachmittags, und er will in die Stadt. Unter dem Mantel trägt er ein Stuhlbein. Zweimal ist er in den letzten Monaten überfallen worden. "Fidschis klatschen", nennen die Jugendlichen diesen Abenteuerersatz. Das letzte Mal, im August, hat Herr Nho ein gebrochenes Nasenbein davongetragen. Seitdem hat er das Stuhlbein dabei. Noch einmal soll ihm das nicht passieren. Doch es passiert. Als der Bus schon in Sichtweite ist, stürzen sich mehrere Jugendliche auf ihn und schlagen ihm ins Gesicht. Der schmächtige Vietnamese verliert schon beim ersten Schlag das Bewußtsein, sinkt zu Boden. Dort wird sein Körper von Stiefeln mit Stahlkappen traktiert. Die Täter – wie sich später herausstellt, drei Ostberliner Jugendliche zwischen sechzehn und siebzehn Jahren – entkommen unter den Augen zahlreicher Zeugen.

Zwölf Tage lang liegt Boi Van Nho auf der Intensivstation im Koma. Wird er den schweren Schädelbasisbruch überleben? Eine der wenigen Regungen, die er im Krankenbett zeigt, ist eine deutliche Unruhe auf deutschsprachige Laute. Er verkrampft sich, wehrt sich gegen die Schwestern, macht Bewegungen des Weglaufens. Erst als er aus dem Koma erwacht ist und keine Lebensgefahr mehr besteht, trauen sich seine Bekannten, eine Nachricht nach Vietnam zu schicken. Gut zwei Monate nach dem Überfall kann Frau Nho mit dem ältesten Sohn nach Berlin fliegen. Private Spender und der Berliner Senat haben den Flug bezahlt.

Ende November ist Boi Van Nho aus dem Krankenhaus entlassen worden. Die Schädelverletzung gilt als geheilt. Doch ob er je wieder ganz gesund werden wird, läßt sich nicht sagen. Heute, mehr als vier Monate nach.dem Überfall, klagt Herr Nho über starke Gleichgewichtsstörungen. Auf dem rechten Ohr kann er kaum hören. Bei der kleinsten Anstrengung zeigen sich Schweißperlen auf seiner Stirn. Er kann sich nur schwer konzentrieren, hat deutliche Gedächtnislücken. Freunde klagen: Ständig verlegt er etwas, findet es nicht wieder und redet manchmal wirres Zeug. Mittlerweile kann Herr Nho wieder kurze Briefe schreiben. Seine wenigen Deutschkenntnisse hat er während des Komas gänzlich verloren. An den Tag des Überfalls kann er sich nicht erinnern. Was passiert ist, weiß er nur aus Erzählungen.

Über seine Ängste, über das Trauma, dreimal Opfer geworden zu sein, spricht Herr Nho nicht. Doch ohne Begleitung von anderen macht er kaum einen Gang. Sein Bewegungsradius mißt etwa hundert Meter um das triste Wohnheim herum. "Er ist sehr unselbständig geworden", beobachten die Mitarbeiterinnen der "Beratungsstelle für ausländische Mitbürger", die sich von Anfang an rührig um Herrn Nho gekümmert haben. Sie hatten gehofft, daß Frau Nho schon bald die Betreuung ihres Mannes übernehmen könnte. Aber wie soll das gehen? Berlin ist die erste Stadt, die sie in ihrem Leben gesehen hat. In Vietnam hat sie als Landarbeiterin auf dem Dorf gelebt. Das Fahrrad war das einzige Verkehrsmittel, das sie je benutzt hatte. Jetzt fehlen ihr allein zum Einkaufen nicht nur die deutschen Worte. Auch die Waren selbst sind ihr fremd.

Wenn die Ärzte recht behalten, dann wird Boi Van Nho möglicherweise nie mehr voll arbeiten können. Vor drei Jahren war er als einer der letzten Vertragsarbeiter in die DDR gekommen. Um seine Familie zu ernähren, hatte er sich zuvor schon als "Gastarbeiter" nach China schicken lassen. In der DDR bekommt Herr Nho zunächst eine Stelle als Landmaschinenarbeiter in der Nähe von Schwerin zugeteilt. 1990 wird ihm gekündigt. Er zieht nach Berlin, findet Arbeit bei einer Reinigungsfirma und eine Bleibe im Wohnheim für "ausländische Arbeitnehmer".