Von Gabriele Riedle

Die Neustrelitzer sagen oft: „Hier im Norden ...“ Und wenn man von Berlin kommt, von wo aus gesehen bekanntlich überall Osten ist, fragt man sich zwangsläufig: Wo beginnt denn eigentlich dieser Norden? Ja, das ist schwierig, sich heutzutage zu orientieren.

Neustrelitz liegt also im Norden, wenn auch am Rand, am unteren, gleich da, wo der Osten aufhört. Kaum vierzig Bahnminuten von Oranienburg, das noch auf dem Berliner S-Bahn-Ring liegt, kaum zwanzig Kilometer hinter der Landesgrenze, die Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern definitiv zu unterscheiden vorgibt.

Uns, die wir also mitten aus dem Osten kommen, wird ganz fern und ganz poetisch ums Herz, und wir sind blitzartig davon überzeugt, es sei hier doch wohl gleich ein ganz anderes Licht – irgendwie klarer und gleichzeitig tiefer, wahrscheinlich.

Doch heute reisen wir nicht wegen des Lichts „in den Norden“. Im Gegenteil. Wir reisen wegen der Kultur, wegen der Kultur des Nordens gewissermaßen. Und des neuen Ostens eigentlich auch. Denn in Neustrelitz gibt es erstaunlicherweise die einzige neugegründete private Galerie in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Die paar Galerien, die es sonst noch gibt, in Neubrandenburg, Stralsund, Warnemünde und Rostock, sind einst staatlich gewesen und erst jetzt privatisiert oder laufen als kommunale Einrichtungen weiter.

Die Neustrelitzer Galerie, sie heißt „refugium“, stellt von Februar bis April Ernst Schroeder aus. Maler. Geboren in Stettin (1928), gestorben in Hamburg (1989). Vater Kapitän, Kindheit in Swinemünde, Umzug auf die Insel Usedom: führt zu viel Fisch auf traurigem Tafelbild. Erst Meisterschüler bei Max Pechstein, Berlin-Charlottenburg, dann bei Otto Nagel an der Deutschen Akademie der Künste in Berlin (DDR). Geht 1958 in den Westen nach Hamburg, bleibt aber äußerst wichtig für die zurückgebliebenen Malerfreunde wie Harald Metzkes, Manfred Böttcher oder Werner Stötzer, die ihrerseits wieder für die DDR-Kunstentwicklung entscheidend ...

Doch halt. Zunächst: Was ist dies für ein merkwürdiger Ort, in dem die Kultur solchermaßen ihr Heimatstädtchen hat? Singt nicht schon der Name geradezu von beschaulichen Betrachtungen, von „Neustrelitzer Notizen“ gewissermaßen?