Regensburg

Rot-grün in Bonn“, das würde die Freigabe der Abtreibung „mindestens bis zum siebten Monat“ bedeuten, den Austritt aus der Nato, „Geschäftswerbung am Sonntag im Fernsehen“, die Halbierung der Kirchensteuereinnahmen durch „grünbestimmte Arbeitslosigkeit“ – und nicht zuletzt das Ende der gesicherten bundesdeutschen Energieversorgung. Im Klartext: „Ohne Kernenergie verödet die Republik zum Morgenthau-Modell: Kartoffeln und Kraut, Soja und Mais.“

„Rot-grün in Bonn“ hat es nicht gegeben. Auf die Nato-Mitgliedschaft und die Kernenergie muß die Republik in Zukunft nicht verzichten, wohl aber auf derbe politische Kommentare der zitierten Art aus dem Raum der Kirche. Der Chefredakteur des Regensburger Bistumsblattes, Heinrich Wurstbauer, trat als letzter unbekümmert kämpferischer Kapuzinerprediger der deutschen katholischen Kirchenpresse in den Ruhestand. Während die übrigen Bischofsblätter, gebeutelt von Auflagenschwund und innerkatholischen Identitätskrisen, ihre Nähe zu den Unionsparteien allenfalls dezent erkennen lassen und dem steigenden rotgrünen Wählerpotential unter Katholiken Rechnung tragen, machte der volkstümlich-barocke Niederbayer Wurstbauer sechzehn Jahre lang ein christlich-abendländisches Kampfblatt im alten Stil.

Der promovierte Bismarck-Fan und Major der Reserve, der sich seinen Lesern auf Photos gern als Manöverteilnehmer und Gesprächspartner von Kardinälen und Bundeskanzlern präsentierte, stritt gegen Wehrdienstverweigerer, Feministinnen, Schimanskis rüde Tatort-Sprache und kritische Theologen. Er bekundete Mitgefühl mit den in Wackersdorf eingesetzten Polizisten, „denen Chaotenweiber vor die Füße pissen“, und fertigte den Protest katholischer Jugendverbände gegen den dort betriebenen Bau der nuklearen Wiederaufbereitungsanlage mit den Worten ab: „Die Atomenergie ist die Kraftquelle des dritten Jahrtausends. Wer sich von körnerspeisenden Blindlingen verrückt machen läßt, übergibt die Menschheit des dritten nachchristlichen Jahrtausends der Sowjetunion, China, Indien, dem Bolschewismus, dem Atheismus, dem Islam. Zwei Milliarden Menschen, die sich der Kernenergie bedienen. Gute Nacht, Europa!“

Gegner Wurstbauers bombardierten die Bistumsleitung mit Beschwerdebriefen, baten in den Laiengremien um Mäßigung, zogen mit Kerzen zu einer Mahnwache vor die Redaktion. Der Arbeitgeber des Kreuzritters, der vorsichtig-moderate Bischof Manfred Müller, mußte sich vorhalten lassen, ein „Blatt der psychologischen Kriegsführung“ herauszugeben. Vergeblich. Wurstbauers treffsichere Eloquenz, sein journalistisches Gespür und seine Fähigkeit, den Leuten im ostbayerischen Grenzland aufs Maul zu schauen, hoben sein Blatt aus der manchmal drögen Gleichförmigkeit anderer Bistumszeitungen heraus und machten ihn unschlagbar.

Wurstbauers ungewöhnliche Biographie weist ihn als Vollblutjournalisten aus – und als Seiteneinsteiger im Bereich der Kirchenpresse: Mit sechzehneinhalb Jahren wird der „Reifevermerk“-Abiturient 1943 Soldat. Zwei Tage vor der deutschen Kapitulation, am 6. Mai 1945, verwundet, verbringt er zweieinhalb Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft an der Wolga. Dort schuftet er zehn Stunden am Tag als Fräser an einer Doppeldrehbank aus amerikanischer Produktion; nachts schreibt und zeichnet er die Lagerzeitung. Nach der Heimkehr das Studium in München: Zeitungswissenschaft, Geschichte, Volkswirtschaft. Journalistische Ausbildung unter anderem beim berühmten Egon Jameson in der Münchner Neuen Zeitung. In Regensburg leitet er gleichzeitig die Redaktionen einer Tageszeitung, eines Jägerblatt und der regionalen Bundeswehr-Gazette. Erst 1975 kommt er zum Kirchenblatt.

Kritiker hatten es auch schwer mit Wurstbauer, weil er sich bei aller Linientreue nicht so leicht festlegen ließ. Der eisern auf Rom eingeschworene Deutschordensritter verschwieg nicht, was an der selbstherrlichen Praxis der jüngsten Bischofsernennungen zu kritisieren war, und tadelte oft genug den unbeholfenen Umgang römischer Behörden und deutscher Kirchenleitungen mit den Medien. Seine politischen Gegner verwirrte er mit süffisanter Kritik an schwachen CDU-Größen und mit Lobliedern auf Georg Leber und Herbert Wehner.