Das Problem wog schwer genug, es zur Chefsache zu erklären. Zur Krisensitzung im elften Stock der Stuttgarter Daimler-Zentrale, direkt unter dem rotierenden Stern, kamen vergangene Woche Konzernchef Edzard Reuter, Mercedes-Vorstand Werner Niefer und Daimlers PR-Direktor Matthias Kleinen zusammen. Doch nicht um die drohende japanische Konkurrenz auf dem Automarkt ging es diesmal und auch nicht um die gefährdeten Jäger-90-Aufträge für die Tochterfirma MBB. Auf der Tagesordnung stand an vorderer Stelle die schnellste Frau der Welt.

„Das Unternehmen beginnt Schaden zu nehmen“, eröffnete Kleinen seinen Vorgesetzten. Seit Tagen waren die Zeitungen voll von Nachrichten, die Sprinterin Katrin Krabbe sei beim Dopingschummel aufgeflogen. Sie tritt an unter dem Zeichen des Sterns. Die Autofabrik ist Generalsponsor des Deutschen Leichtathletikverbands (DLV). Edzard Reuter entschied schnell und klar: „Matthias, Daimler-Benz kann sich das nicht leisten.“

Kleinert brauchte dem DLV nur noch mit der Vertragsauflösung zu drohen. Da wurde im Leichtathletikverband der Stab über Katrin Krabbe und ihre Sportkameradinnen Grit Breuer und Silke Möller gebrochen. „Die beschissenste Entscheidung meines Lebens“, fand DLV-Präsident Helmut Meyer hinterher, sei das gewesen. Was ihn dabei am meisten störte, war nicht ganz klar.

Schmerzlich war sicher, daß er just im Olympiajahr, da die gerade vereinten deutschen Sportler zum Medaillenreibach in Barcelona rüsten, den Star der Nation sperren mußte – zu erdrückend sind die Indizien, daß die drei Sprint-Girls um den Neubrandenburger Sportlehrer Thomas Springstein den Dopingkontrolleuren im südafrikanischen Trainingslager manipulierten Urin eingeschenkt hatten. Aber ärgerte den Sportsmann Meyer nicht noch mehr, daß das Machtwort der Sponsoren aller Welt zeigte, was aus der Leichtathletik geworden ist: ein eiskaltes Geschäft, in dem fast alle Mittel recht sind und in dem die bestallten Verbandsfunktionäre nur mitleiderregende Marionetten oder Mittäter sind?

Katzenjammer in der Darmstädter Julius-Reiber-Straße 19. Hier residiert der DLV. In dem kühnen Bau künden bunte Veranstaltungsplakate, Urkunden mit goldenen Ehrennadeln und Verdienstmedaillen von einer ruhmreichen Vergangenheit, als noch unschuldiges Amateuridyll mit dem rauhen Charme der Aschenbahnen dominierte. Zwei Dutzend Mitarbeiter versuchen von hier aus, die Geschicke der nationalen Leichtathletik zu lenken. Zum Beispiel Bärbel Wöckel, seit Mitte 1990 beschäftigt im „Referat Jugend“. Ein Vorbild für den Nachwuchs kann die vierfache DDR-Olympiasiegerin kaum sein.

In ihrer aktiven Zeit hat Bärbel Wöckel, wie die Dopingkritikerin Brigitte Berendonk in ihrem Buch „Doping-Dokumente“ behauptet, mehr Anabolika geschluckt als seinerzeit das amerikanische Laufwunder Ben Johnson. Exaktes Mengenverhältnis Wöckel: Johnson: 1670 Milligramm zu 1500 Milligramm Oral-Turinabol im Jahr.

Für Wöckels Arbeitgeber Helmut Meyer sind die Delikte nach internationalem Athletenrecht verjährt. Außerdem, sagt er, habe sicher damals jedes Unrechtsbewußtsein gefehlt. Wöckel ist ein Fall von Hunderten aus der ehemaligen DDR, wo „flächendeckend“ gedopt wurde, wie eine unabhängige Untersuchungskommission unter dem Vorsitz des Präsidenten des Bundessozialgerichts, Heinrich Reiter, im Juni 1991 feststellte, und ihre reibungslose Übernahme symptomatisch für die Vergangenheitsbewältigung des endlich vereinten Leichtathletikverbandes. Denn nun soll es nur noch vorwärts gehen, zu mehr Leistung, mehr Medaillen und noch mehr Ruhm und Geld. „In den 41 Jahren des DLV“, freute sich Helmut Meyer über die Aufnahme der Leichtathleten der Deutschen Doping Republik, habe es „für keinen Präsidenten einen schöneren Augenblick“ gegeben. Dabei hatte „Leistungs-Meyer“, wie er von den Athleten genannt wird, weniger die 79 000 einfachen Ost-Mitglieder im Auge, die seine Organisation auf 919 000 aufstockten, als die Masse der Ehrenauszeichnungen: 124 Olympiamedaillen, 53 Siege bei Welt- und 237 bei Europameisterschaften hatte die effizienteste Leichtathletiknation der Welt in die gesamtdeutsche Erfolgsbilanz einzubringen.