Laufen und laufen lassen

Das Problem wog schwer genug, es zur Chefsache zu erklären. Zur Krisensitzung im elften Stock der Stuttgarter Daimler-Zentrale, direkt unter dem rotierenden Stern, kamen vergangene Woche Konzernchef Edzard Reuter, Mercedes-Vorstand Werner Niefer und Daimlers PR-Direktor Matthias Kleinen zusammen. Doch nicht um die drohende japanische Konkurrenz auf dem Automarkt ging es diesmal und auch nicht um die gefährdeten Jäger-90-Aufträge für die Tochterfirma MBB. Auf der Tagesordnung stand an vorderer Stelle die schnellste Frau der Welt.

"Das Unternehmen beginnt Schaden zu nehmen", eröffnete Kleinen seinen Vorgesetzten. Seit Tagen waren die Zeitungen voll von Nachrichten, die Sprinterin Katrin Krabbe sei beim Dopingschummel aufgeflogen. Sie tritt an unter dem Zeichen des Sterns. Die Autofabrik ist Generalsponsor des Deutschen Leichtathletikverbands (DLV). Edzard Reuter entschied schnell und klar: "Matthias, Daimler-Benz kann sich das nicht leisten."

Kleinert brauchte dem DLV nur noch mit der Vertragsauflösung zu drohen. Da wurde im Leichtathletikverband der Stab über Katrin Krabbe und ihre Sportkameradinnen Grit Breuer und Silke Möller gebrochen. "Die beschissenste Entscheidung meines Lebens", fand DLV-Präsident Helmut Meyer hinterher, sei das gewesen. Was ihn dabei am meisten störte, war nicht ganz klar.

Schmerzlich war sicher, daß er just im Olympiajahr, da die gerade vereinten deutschen Sportler zum Medaillenreibach in Barcelona rüsten, den Star der Nation sperren mußte – zu erdrückend sind die Indizien, daß die drei Sprint-Girls um den Neubrandenburger Sportlehrer Thomas Springstein den Dopingkontrolleuren im südafrikanischen Trainingslager manipulierten Urin eingeschenkt hatten. Aber ärgerte den Sportsmann Meyer nicht noch mehr, daß das Machtwort der Sponsoren aller Welt zeigte, was aus der Leichtathletik geworden ist: ein eiskaltes Geschäft, in dem fast alle Mittel recht sind und in dem die bestallten Verbandsfunktionäre nur mitleiderregende Marionetten oder Mittäter sind?

Katzenjammer in der Darmstädter Julius-Reiber-Straße 19. Hier residiert der DLV. In dem kühnen Bau künden bunte Veranstaltungsplakate, Urkunden mit goldenen Ehrennadeln und Verdienstmedaillen von einer ruhmreichen Vergangenheit, als noch unschuldiges Amateuridyll mit dem rauhen Charme der Aschenbahnen dominierte. Zwei Dutzend Mitarbeiter versuchen von hier aus, die Geschicke der nationalen Leichtathletik zu lenken. Zum Beispiel Bärbel Wöckel, seit Mitte 1990 beschäftigt im "Referat Jugend". Ein Vorbild für den Nachwuchs kann die vierfache DDR-Olympiasiegerin kaum sein.

In ihrer aktiven Zeit hat Bärbel Wöckel, wie die Dopingkritikerin Brigitte Berendonk in ihrem Buch "Doping-Dokumente" behauptet, mehr Anabolika geschluckt als seinerzeit das amerikanische Laufwunder Ben Johnson. Exaktes Mengenverhältnis Wöckel: Johnson: 1670 Milligramm zu 1500 Milligramm Oral-Turinabol im Jahr.

Für Wöckels Arbeitgeber Helmut Meyer sind die Delikte nach internationalem Athletenrecht verjährt. Außerdem, sagt er, habe sicher damals jedes Unrechtsbewußtsein gefehlt. Wöckel ist ein Fall von Hunderten aus der ehemaligen DDR, wo "flächendeckend" gedopt wurde, wie eine unabhängige Untersuchungskommission unter dem Vorsitz des Präsidenten des Bundessozialgerichts, Heinrich Reiter, im Juni 1991 feststellte, und ihre reibungslose Übernahme symptomatisch für die Vergangenheitsbewältigung des endlich vereinten Leichtathletikverbandes. Denn nun soll es nur noch vorwärts gehen, zu mehr Leistung, mehr Medaillen und noch mehr Ruhm und Geld. "In den 41 Jahren des DLV", freute sich Helmut Meyer über die Aufnahme der Leichtathleten der Deutschen Doping Republik, habe es "für keinen Präsidenten einen schöneren Augenblick" gegeben. Dabei hatte "Leistungs-Meyer", wie er von den Athleten genannt wird, weniger die 79 000 einfachen Ost-Mitglieder im Auge, die seine Organisation auf 919 000 aufstockten, als die Masse der Ehrenauszeichnungen: 124 Olympiamedaillen, 53 Siege bei Welt- und 237 bei Europameisterschaften hatte die effizienteste Leichtathletiknation der Welt in die gesamtdeutsche Erfolgsbilanz einzubringen.

Laufen und laufen lassen

Folgerichtig übernahm Meyer dreißig Trainer aus dem Osten, an ihrer Spitze Chefcoach Bernd Schubert, der von nun an auch im Westen der Primus sein sollte. Kaum im Amt, rechnete der Chemnitzer schon wieder hoch, wie man in neuer deutscher Eintracht viele neue Medaillen anhäuft. Inzwischen darf er, als "ausgewiesener Fachdoper" bezeichnet werden, nachdem ihm das Heidelberger Landgericht eine einstweilige Verfügung gegen das Berendonk-Buch versagt hatte, in dem anhand von Schuberts Trainingsprotokollen Dopingpraktiken nachgewiesen wurden. Am Fall Schubert schieden sich die Geister. Für den Vorsitzenden der Ad-hoc-Kommission im Deutschen Sportbund (DSB), Manfred von Richthofen, war der Trainer aus dem Osten nach den Enthüllungen über Dopinghilfe ein "untragbarer Fall". Für Meyer blieb er eine "Integrationsfigur". Um dem Protest im eigenen Verband die Spitze zu nehmen, entschloß sich der DLV am 8. Februar zu einem Kunstgriff: Aus dem Cheftrainer wurde ein Betreuer.

Geht es um leistungssteigernde Anabolika in der deutschen Leichtathletik, wird abgewiegelt und verdrängt – bis es gar nicht mehr geht wie im Krabbe-Fall. "Ich habe nie etwas mit Doping zu tun gehabt", gibt sich DLV-Chef Meyer unbefangen. Schnell hat auch sein Rechtswert Norbert Laurens kapituliert: "Wir sehen die Vergangenheit als erledigt an, denn wir kommen sowieso nicht dahinter." Dabei wissen Athleten wie Funktionäre, daß hemmungslos gedopt wurde und wird – in Deutschland Ost, in Deutschland West und überall auf der Welt.

Wohlmeinende Amateurdilettanten

Harm Beyer, früherer Schwimmverbandschef, behauptet, daß über dreißig Prozent der deutschen Funktionäre von den Manipulationen wissen müßten. Ex-Sprinter Christian Haas spricht von siebzig bis achtzig Prozent der Leichtathleten, die sich unerlaubter Mittel bedient haben. Da können einzelne Athleten, wie etwa Hochspringerin Heike Henkel, noch so schimpfen: "Den meisten Funktionären war es doch immer scheißegal, ob jemand etwas nimmt, Hauptsache, die Leistung hat gestimmt." Meyer zuckt bei Dopingvorwürfen gegen seine Schützlinge stets die Schultern: "Beschuldigungen und kein juristischer Beweis."

Verbandspräsident Meyer hat es nicht leicht. Zum einen soll der Verband die olympische "Amateur"-Ideologie mit dem schönen Schein des edlen Wettkampfes (am besten noch zu Ehren des Vaterlandes) fördern, zum andern für Medaillen sorgen. Noch immer gilt laut Satzung die "Pflege und Förderung des Leistungs-, Breiten- und Freizeitsports" als oberster Verbandszweck, was schon an der Basis zu unüberwindbaren Problemen führt. Die ehrenamtlichen Trainer, Wettkampfwarte und Kampfrichter müssen ohnmächtig zusehen, wie ihnen der Nachwuchs davonläuft. So ist der Anteil der unter Vierzehnjährigen in den vergangenen zehn Jahren um achtzehn Prozent gesunken. Haben sie endlich Talente zu Spitzensportlern herangebildet, werden diese gleich von finanzkräftigen Klubs abgeworben.

Dieser Widerspruch zwischen "genossenschaftlich vorbereiteter Höchstleistung und privater Vermarktung", sagt der Darmstädter Sportwissenschaftler und DLV-Berater Helmut Digel, zwinge die Leichtathletik zum Spagat. Dennoch setzt er auf eine vorsichtige Reform. Mit einer neuen Führungsstruktur, qualifizierten hauptamtlichen Mitarbeitern, einem Mitbestimmungsmodell für die Vereine und einer gewerkschaftlichen Vertretung für die Athleten, glaubt Digel, sei der existentiellen Krise durchaus beizukommen. Aber will der DLV das überhaupt?

Schon 1988 hatte die Unternehmensberatung Prognos in einem Bericht angemerkt, daß sich eine "grundlegende Veränderung trotz der von allen Seiten betonten Dringlichkeit als wenig wahrscheinlich abzeichnet". Der Verband, räumt Breitensportwart Franz-Josef Kemper selbstironisch ein, würde eben von "wohlmeinenden Amateurdilettanten, die wir alle sind", geprägt.

Laufen und laufen lassen

Einer der wenigen, die bereit wären, sich an die Lösung dieses Grundproblems des deutschen Sports heranzuwagen, ist der Hamburger Jurist Harm Beyer. Der ehemalige Schwimmverbandschef hält die Spitzenstars für nicht mehr integrierbar und plädiert für die Ausgliederung der "Zirkustruppe" aus dem Breitensport. Diese könnte sich dann ihr eigenes Management suchen und ihre eigenen Regeln schreiben, bis hin zur Freigabe des Dopings, was den Amateursport spürbar entlasten würde.

Der Verbandsvorstand aber hält die Wacht am Status quo. Denn der garantiert auch die eigene Macht. Eine symbiotische Geschäftsbeziehung auf Gegenseitigkeit, die die zahllosen Manipulateure schützt und die Minderheit der (nach Eigenaussage) sauberen Athleten verzweifeln läßt.

Dabeisein ist nicht genug

So war es nur logisch, daß das kundige DDR-Trainer- und Athletenpotential, unter Vernachlässigung aller Nebenwirkungen, im sportlich maladen DLV für eine Blutauffrischung sorgen sollte. Denn trotz aller Festtagsreden zum Ende des Ost-West-Konflikts, dem damit entfallenden Systemvergleich und der Wertschätzung achter Hänge (wenn es denn dopingfrei nicht besser ginge), gilt eben immer noch der erste mehr als der achte Sieger.

Und alle, die den Verband aushalten, stoßen in dasselbe Horn. Da ist das Bundesinnenministerium, das den DLV mit 2,5 Millionen Mark Steuergeldern pro Jahr alimentiert und Hochleistungen erwartet. So hat selbst Ex-Minister Wolfgang Schäuble, der dem Sport sonst eher unverkrampft gegenüberstand, die Funktionäre wissen lassen, daß er sich "alle großen Sportarten in der Weltspitze" wünsche. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das 2,5 Millionen Mark für Übertragungsrechte ausgibt, will dem Gebührenzahler nicht nur das olympische Ideal des "Dabeisein ist alles" bieten. Und für die Big Spender aus der Wirtschaft gelten ohnehin Kosten-Nutzen-Aspekte. So setzen auch sie auf die Vereinigung der Medaillenmacher. Mercedes-Benz, DLV-Generalsponsor Nummer eins, steuert inklusive Sachleistungen 1,3 Millionen Mark bei, IBM, Generalsponsor Nummer zwei, immerhin noch eine Million. Die fünf Hauptsponsoren Coca-Cola, Canon, Fuji, Krombacher Brauerei und Centrale Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) assistieren mit weiteren Beträgen zwischen 300 000 und 500 000 Mark. So fließen 1992 rund acht Millionen Mark aus der Industrie in die Kassen der DLV-Marketinggesellschaft, viermal soviel wie vor fünf Jahren. Der Verband spricht euphorisch von "Sponsoring-Optimierung 1987–1992".

Alle Förderer wollen Medienpräsenz. "Und die", erläutert DLV-Vermarkter Günther Lohre, "erreiche ich nur durch vorzeigbare Leistungen." Wie solche Spitzenleistungen zustande kommen, klagte Ralf Sonn, einer der besten deutschen Hochspringer nach einem Gespräch mit Sponsoren, "interessiert die herzlich wenig".

Auf einer heiklen Gratwanderung befindet sich auch Deutschlands größter Sportsponsor Daimler-Benz, dessen Unternehmensgruppe Mercedes über erheblichen Einfluß beim DLV verfügt. "Unser Ziel ist das Beste, sonst nichts", spornt Sprecher Matthias Kleinert mit dem Motto des Gründervaters Gottlieb Daimler zu Höchstleistungen an und droht zugleich, die Gelder sofort zu stoppen, falls die Sportler in die "Betrugskanäle des Dopings" geraten sollten. So nahte die Rettung aus Stuttgart, als die verbandsinterne Anti-Doping-Kommission um den rührigen Duisburger Studiendirektor und Nordrhein-Vorsitzenden Theo Rous DLV-Präsidenten Meyer auf einem außerordentlichen Verbandstag am 6. Oktober 1991 wegen erwiesener Untätigkeit zum Rücktritt aufgefordert hatte.

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Persilschein vom Sponsor

"Nennen Sie das ruhig eine Palastrevolution", erklärte Rous öffentlich. Sie mußte scheitern, als aus der Daimler-Benz-Zentrale rechtzeitig eine Ehrenerklärung für DLV-Chef Helmut Meyer einging. Er sei sich sicher, schrieb Kleinert, daß Meyer und seine Führungsmannschaft "erfolgversprechend im Sinne der Zielsetzung für einen sauberen Sport" wirken. Diese Gewißheit hatte der Daimler-Direktor nach einem "sehr fruchtbaren und konstruktiven Gespräch" mit Meyer und seinem Stellvertreter Werner von Moltke gewonnen. Die Delegierten hielten der Meyer-Mannschaft (Gegenkandidaten gab es nicht) mit siebzig Prozent Jastimmen die Treue. So konnten auch die zwanzig Vorsitzenden der Landesverbände beruhigt im Dienst-Daimler nach Hause fahren, den ihnen der Stuttgarter Konzern zu besonders günstigen Leasingkonditionen vor die Tür gestellt hat. Statt üblicher 1000 Mark und mehr zahlen die Sportfunktionäre nur 350 Mark monatlich.

Heute würde Meyer den Persilschein von der Stern-Zentrale nicht mehr ausgestellt bekommen, denn jedesmal, wenn ein Dopingfall oder ein begründeter Verdacht auftaucht – und das passiert derzeit immer wieder, so schimpft Matthias Kleinen –, wird Daimler "mit in die Negativ-Schlagzeilen hineingezogen". Für das Unternehmen, das sich qua Sport expressis verbis ein "menschliches Antlitz" verleihen will, kommt der Skandal zu einem denkbar ungelegenen Moment. Im nächsten Jahr werden die Leichtathletik-Weltmeisterschaften vor der eigenen Haustür ausgetragen. Nach der Devise von Firmenchef Edzard Reuter ("In Stuttgart daheim, in der Welt zu Hause") böten die Weltmeisterschaften eine ideale Werbeplattform.

Dafür erschien Meyer bis dato als Garant. Die Welt des gelernten Sportlehrers und ehemaligen Direktors des Bundesausschusses Leistungssport (1970 bis 1988) besteht seit jeher aus Prognosen, Zählen und Feiern von Medaillen. Wer den 65jährigen fragt, wer er sei, bekommt keine Adjektive zu hören, sondern Tätigkeiten: machen, anpacken, durchsetzen. "Mein Naturell ist kämpfen. Große Reden halten, Diskussionen und philosophische Erwägungen – so was widerstrebt mir. Ich bin Pragmatiker."

Deutschlands Fachjournalisten schien das weder 1990 noch 1991 zu überzeugen. Im Branchendienst Sport intern kürte sie ihn zum "Schlußlicht des Jahres". Eine "Quittung für dilettantische Führung" des Verbandes durch einen Mann, der schon als Bundesausschuß-Boß ein intimer Kenner der Dopingpraktiken gewesen sein müsse, aber nichts dagegen getan habe.

Doch nicht jede Mark fließt über Meyer in die deutsche Leichtathletik. Ihr Marktprodukt sportliche Leistung verkaufen die Muskelunternehmer längst unabhängig vom Verband, die besten im Troß mit Managern, PR-Beratern und Anwälten. Werbeeinnahmen winken, wenn Firmenlogos als unbezahlte Reklamespots in die Sportschau-Kameras gereckt werden.

Die Werbechancen dazu wachsen durch die stetig steigende Zahl von Sportfesten. Bei nationalen oder internationalen Meisterschaften und ganz besonders bei Olympischen Spielen werden immer neue. Helden gekürt und Marktwerte festgelegt. Gold in Barcelona, so kalkuliert der Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees, Walther Tröger, ist mindestens für eine Million Mark gut. Weniger, aber dafür häufiger abkassiert wird bei den derzeit 42 jährlichen Showsportfesten allein in Europa, eine Art Fachmessen für Muskelkraft und Schnelligkeit.

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Zirkus der Muskelunternehmer

Nicht etwa, daß es dabei wie im Tennis nur ein gestaffeltes System von Sieg- und Plazierungsprämien gäbe. Das meiste wird vorab als Fixum garantiert. Der US-amerikanische Läufer und Springer Carl Lewis, der unter 50 000 Dollar nicht zum Sprint antritt, gilt derzeit als Topverdiener. Ihm folgt Sergej Bubka aus dem Ressort Stabhoch, der dasselbe in D-Mark fordert und, weil er konkurrenzlos gut springt, auch bekommt. Bubka kann dabei mit den Veranstaltern nahezu beliebig pokern – nur bei entsprechenden Garantiegagen müht er sich zentimeterweise seinen Weltrekord zu verbessern. Längst gibt es internationale Kataloge und Preislisten, wer für welchen Aschenbahnauftritt was bekommt – bis hin zu den besten Tempomachern ("Hasen") im Langstreckenlauf. Börsenkurs: Mit 10 000 Dollar Antrittsprämie war ein guter Läufer 1991 bei weitem nicht mehr unter den Top ten.

Weltrekorde lassen die Zuschauer toben vor Begeisterung, die Veranstalter aber manchmal auch verzweifeln: Weltrekordtantiemen (laut Garantievertrag meist fünfstellig, ersatzweise ein Mercedes-Benz der Oberklasse) sind unvorhergesehene Ausgaben. Es sei denn, die Macher versichern sich dagegen bei Lloyds in London, wie es in den rekordgefährdeten Disziplinen bisweilen schon Usus ist. Aber auch das kostet: Das Risiko eines Bubka-Weltrekords, erzählt der Koblenzer Sportveranstalter Fredy Schäfer, habe ihn zuletzt, weil immer möglich, satte 12 000 Mark Prämie gekostet, und dann habe er sich über die Ausgaben geärgert, weil der Stabhochspringer im Dauerregen sein Ziel verfehlte.

Schäfer veranstaltet in Koblenz seit 25 Jahren eines der größten Stadion-Sportfeste in Deutschland, mit inzwischen immerhin 750 000 Mark Umsatz pro Abend. Daß die Rechnung aufgeht, dafür sorgen Bandenwerbung, viele kleine und große Sponsoren, das Fernsehen, Startnummernvermarktung, Zuschauereinnahmen und erkleckliche Zugaben von der Landesregierung. "Dafür darf der Sportminister die Preise übergeben", sagt der Veranstalter. Bei der Unterstützung durch die Stadtkasse, immerhin 100 000 Mark im vergangenen Jahr, kann Schäfer als Ratsmitglied der CDU praktischerweise selbst mitreden: "Mit meinem Mandat 1977 kam für uns der finanzielle Durchbruch." Schäfer bietet auch Glamour: Denn die Zuschauer kämen ja, "um auch mal hübsche Negerinnen zu sehen", denen er dann sage: "Morgen mußt du aber dein wehendes Röckchen anziehen." Auch Kugelstoßen hat er gern im Programm, damit die Leute rufen könnten: "Ah, da kommen die Tiere."

Bei aller Eigenvermarktung der Athleten aber braucht die Branche Köpfe wie DLV-Vize Werner von Moltke. Der ehemalige Zehnkämpfer verdiente sein Brot bis zum Jahresende 1991 als Leiter der Abteilung Nationale Promotion bei adidas und ist seitdem als Berater für den Schuhhersteller in Franken tätig. "Wir kennen uns doch alle schon ewig", erzählt Moltke, "wir sind gemeinsam hochgewachsen, die einen in den Verbänden und andere wie ich parallel bei adidas oder anderen Firmen." Im DLV ist der adidas-Mann für Industriekontakte zuständig und konnte so dem Verband aus den zeitweilig roten Zahlen helfen.

Harmonie und fremde Hormone

Daß der hemdsärmelige Manager dies durchaus auch im Sinne seines Arbeitgebers getan hat, beweisen die wundersamen Verhandlungen des DLV mit dem adidas-Konkurrenten Asics Tiger. Im Frühjahr 1990 wollte das japanische Unternehmen statt adidas Hauptausrüster des DLV werden. Es bot eine halbe Million Mark jährlich plus Sachleistungen, mehr, als der deutsche Turnschuhfabrikant bis dato zahlte – der DLV reagierte nicht. Asics wollte wissen, ob der Konkurrent gleichgezogen habe, um, wie Marketingmanager Wolfgang Schweim heute erklärt, "noch draufzulegen, weil wir uns das einiges hätten kosten lassen". Eine Antwort bekam er nicht. Dann endlich lief bei Asics eine kurze Nachricht über das Faxgerät, daß der DLV "aufgrund des besseren Angebots der Fa. adidas" mit dieser den Vertrag um vier Jahre verlängert habe. Schweim ist noch heute empört. "Warum hat der DLV wohl auf Hunderttausende Mark verzichtet", fragt er, "nur damit adidas am Ball bleibt." Damals schrieb Schweim an Helmut Meyer, wie "außerordentlich merkwürdig" die Firma Asics "die prekäre Doppelfunktion von Herrn v. Moltke" finde, der qua Amt immer wisse, was die Konkurrenz bietet.

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Nun kam die Antwort postwendend. Der DLV-Präsident beschwerte sich bei Schweims japanischem Chef, daß ein einfacher "Firmenangehöriger den Präsidenten eines Spitzenverbandes in dieser Form direkt angreift". In solch "ungehöriger Weise angegangen zu werden" habe er, Meyer, in seiner "jahrzehntelangen Tätigkeit im deutschen Sport" niemals zuvor erlebt.

Des Grafen Moltke intellektueller Antipode im Verband ist Professor Manfred Steinbach. Der einstige Weitspringer und heutige Ministerialdirektor im Bonner Gesundheitsministerium firmiert im DLV als Sportwart. Bei der Weltmeisterschaft Ende August in Tokio gab sich Steinbach sicher: "Frau Krabbe ist die am besten kontrollierte Hundertmeterläuferin der Welt." Eine nach heutigem Kenntnisstand verwegene Aussage, denn ein Aktenvermerk der verbandsinternen Anti-Doping-Kommission vom 31. Juli 1991 weist darauf hin, daß das DLV-Präsidium schon damals über offensichtlich manipulierte Urinproben aus Neubrandenburg informiert war. Kommissionsvorsitzender Theo Rous notierte damals "handfeste Anzeichen" dafür, daß dem Urin von Krabbe und Breuer "fremde Hormone zugeführt wurden".

Zuviel steht auf dem Spiel, um den Sieg dem Zufall zu überlassen. Schon bei der Sporthilfe, diesem "Sozialwerk des deutschen Sports", sind die Normen so hoch gesetzt, daß Weltklasseleistungen für eine Optimalförderung vorausgesetzt werden. Dasselbe gilt für die Sponsoren, die zunehmend in einzelne Athleten investieren und diese dafür entsprechend häufig laufen, springen und stoßen sehen wollen. Gegen die US-Stars sind die deutschen Sportkanonen noch Waisenkinder, doch sie holen auf. Und auch unter ihnen staffelt sich der Marktwert. Während Weitspringer wie Heike Drechsler und Dieter Baumann und Hochspringer wie Carlo Thränhardt, Dietmar Mögenburg und Heike Henkel noch mit Jahreseinkünften zwischen 200 000 und 400 000 Mark zu Buche stehen, wird Katrin Krabbe auf eine runde Million Mark geschätzt. Die eine Hälfte der Einnahmen fließt durch Sponsorengelder (Sportartikler Nike, Haarstylist Goldwell, Modefirma Gary Weber) und die andere durch fette Antrittsprämien ins Sportlerportemonnaie. Unter 50 000 Mark war sie vor der Dopingaffäre nicht zu haben – und danach braucht sie laut Manager Jos Hermens auch nicht zu darben.

Wissenschaft unter Verschluß

Nun ist es nicht so, daß der DLV dem Treiben gänzlich tatenlos zusieht. Es wird eifrig Wasser gelassen, getestet, überprüft, geforscht. Zweitausendmal im vergangenen Jahr, nach Meinung des Verbandes "beispielhaft für den gesamten Sport". Aber der Teufel steckt im Detail. Da wurden Listen öffentlich ausgehängt, wer wann als nächstes ins Röhrchen zu pinkeln habe. Keine Diskretion, jammerten die einen, eine willkommene Vorwarnung, freuten sich die anderen. Bei Sportlerinnen fehlten immer wieder weibliche Kontrolleure, und bei manchen, so konzediert DLV-Generalsekretär Jan Kern, "hat die Kontrolleurin auch schon mal wegguckt". Warum? "Gewohnheit und Langeweile." Zu einem Meeting in der Schweiz reisten die DLV-Tester vergebens, weil sie statt der Versiegelungs- dummerweise die Entsiegelungszange mitgebracht hatten. Athleten, die wochenlang im Ausland trainierten, gingen ihnen immer wieder durch die Lappen. Sportler aus Ostdeutschland reisten wie gewohnt ins Höhentrainingslager nach Bulgarien – dorthin waren alle Kommunikationswege abgeschnitten. "Da geht’s", sagt ein Ortskundiger, "am Schluß nur noch mit dem Esel rauf."

Nicht für alles kann der DLV haftbar gemacht werden. In der Affäre Krabbe beispielsweise hält es der Vorsitzende der Dopingkommission des südafrikanischen Amateur-Athletikverbandes, Chris Hattingh, für möglich, daß die Neubrandenburgerinnen sich Fremdurin mittels eines Katheters in die Blase gefüllt haben. Amerikanische Athletinnen wiederum sollen gerne Plastikbeutel mit Fremdurin in die Vagina einführen. Was Wunder, daß Dopingfahnder Donike in seinem Labor immer häufiger gepanschten Urin vorfindet: Von 2000 Proben im vergangenen Jahr waren 140 getürkt.

Eine Bringschuld der Athleten fordert in Darmstadt jedoch kein Hierarche ernsthaft ein. Nur wenige Sportler handeln von sich aus, indem sie wie Heike Henkel, Weitspringer Dietmar Haaf oder Dieter Baumann darum bitten, häufiger zu testen und die obligatorische Vorwarnzeit von 24 Stunden nicht einzuhalten. Für den Nordrhein-Vorsitzenden Theo Rous, der sich als Vorsteher der verbandsinternen Anti-Doping-Kommission aufgerieben hat, sitzen die Schuldigen in der Darmstädter Zentrale: "Fahrlässigkeiten, Konzeptionslosigkeit, Kontrollen ohne Nachdruck, ohne Konsequenz mit pausenlosen Pannen, Defiziten und Unzulänglichkeiten."

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Lange hat’s gedauert, bis der DLV nachgegeben und die Durchführung der Dopingkontrollen anderen übertragen hat. Seit Oktober vergangenen Jahres obliegt das Prüfen einer Tochterfirma des TÜV Rheinland, der "German Control", mit Sitz in Ostberlin. Inzwischen gibt es beim DLV auch einen Dopingbeauftragten. Rüdiger Nickel heißt er, sitzt seit zwei Jahren als erfahrener Jugendwart in der Verbandszentrale und ist Rechtsanwalt. "Als Jurist", meint Nickel, "bin ich es gewohnt, daß immer Schlupflöcher gefunden werden."

Eine entscheidende Rolle in dieser endlosen Geschichte spielen die Sportmediziner, unter denen der Ost-West-Transfer ebenfalls reibungslos funktioniert hat – bisweilen rührend naiv. Zum Beispiel bei Hartmut Riedel, der 1987 Professor Wildor Hollmann, Präsident des Weltärztebundes der Sportmediziner, aufsuchte, sich als Professor der Medizinwissenschaften und soeben geflohener Bürger der DDR vorstellte. Riedel betonte seine Fachkompetenzen als ehemaliger DDR-Cheftrainer der Leichtathleten und suchte um einen ?orschungsjob in der westdeutschen Sportmecizin nach. Seine Habilitationsschrift konnte er damals leider nicht vorlegen. Sie war geheime Verschlußsache. Dafür, daß sie es auch weiterhin bleibt, ist er heute bereit, vor Gericht zu ziehen. Hollmann hat Riedel damals ersatzweise "einer etwa ein- bis zweistündigen Prüfung im Sinne eines Gesprächs unterzogen". Dabei, erinnert sich Hollmann, habe Riedel erklärt, er sei "im Bereich pharmakologischer Leistungsbeeinflussung tätig gewesen". Dennoch hat ihn Hollmann "danach nicht näher gefragt, weil dieses Gebiet für unsere Aufgabenstellung in Köln völlig uninteressant war. Doping kam bewußt nicht zur Sprache."

Forschung gegen die Versuchung

Die mündliche Zweithabilitierung, später vom Freiburger DLV-Arzt Joseph Keul per Gutachten festgezurrt, war erfolgreich – Riedel bekam eine C-3-Professur in Bayreuth. Wobei der heutige Direktor des Bundesausschusses Leistungssport, Professor Rolf Andresen, das hartnäckige Gerücht, er habe seine familiären Beziehungen für Riedel spielen lassen, heftig dementiert. Der teuerste Angestellte des Deutschen Sportbunds (Jahresgehalt 250 000 Mark) ist der Schwager von Bayerns Ministerpräsidenten Max Streibl.

Wann immer über Doping geredet wird, sind die Professoren Armin Klümper und Joseph Keul im Gespräch. Die beiden Freiburger sind sich zwar persönlich spinnefeind, aber als Ärzte einer Meinung: Im Vordergrund stehen der Athlet und seine Höchstleistung. Klümper hat Tausende von Aktiven betreut, von der Siebenkämpferin Birgit Dressel, die 1987 unter nie ganz geklärten Umständen gestorben ist, bis hin zum Zehnkämpfer Siegfried Neulich, der jetzt sein Doping zugegeben hat. Keul wiederum räumt ein, bis 1976 Anabolika rezeptiert zu haben, legt jedoch Wert auf die Feststellung, daß er danach "fortwährend gegen das Doping" Front gemacht habe.

Dann muß man allerdings auch seine merkwürdige Studie "Regeneration im Hochleistungssport" von 1988 nicht als Dopingforschung werten, sondern sogar als, wie Keul es selbst nennt, "klassische Anti-Doping-Maßnahme". Keul testete an Langläufern des Deutschen Skiverbandes das männliche Sexualhormon Testosteron, ein besonders potenter Starkmacher aus der Familie der anabolen Steroide. Angeblich, um zu beweisen, daß "es nichts bringt" und damit endlich den "Versuchungen der Sportler gewehrt werden" könne. Die Gelder, volle 300 000 Mark, gab das dem Bundesinnenministerium unterstellte Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) in Köln. Direktor des BISp war damals noch August Kirsch, davor fünfzehn Jahre lang DLV-Chef und heute dessen Ehrenpräsident.

Der einflußreiche Multifunktionär hatte, parallel zur Keul-Studie, 1988 die generelle Freigabe von Testosteron gefordert. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde die Studie erst im Herbst 1991. Der Abteilungsleiter Sport im Innenministerium, Erich Schaible, beteuerte zunächst, er habe "wahrlich keine Kenntnis" von den Testosteron-Testreihen seiner untergeordneten Behörde gehabt. Tags darauf wendete er seine Formulierungen: Die Hormongaben auch nur "in die Nähe von Doping zu rücken" sei absurd, alle Ärzte und auch das von Kirsch geleitete Bundesinstitut für Sportwissenschaft seien "der Verantwortung für den Spitzensport gerecht geworden". In Darmstadt konnte man aufatmen. Schaible ist ein langjähriger Duzfreund von Helmut Meyer und für den Geldsegen aus dem Ministerium zuständig.

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Am Verband verzweifelt

Gestützt werden die Sportmediziner stets vom Übervater des deutschen Sports, Willi Daume. Bei Klümper ist Daume Patient, und über Keul, der jetzt wieder zum leitenden Olympiaarzt für Albertville und Barcelona berufen wurde, lief die Initiative, Daume zum Ehrenprofessor in Freiburg zu ernennen. "Ja, ich verehre Herrn Daume", bekennt Keul, "aber das eine hat mit dem anderen absolut nichts zu tun."

Dieses geschlossene System ist kaum zu durchbrechen. Die Altstars Heide Rosendahl und Harald Schmid haben es 1991 in ihrer Anti-Doping-Kommission versucht und konstatieren müssen, daß ihre Arbeit eher behindert als gefördert wurde. Entnervt gab sie schließlich auf, nachdem auch noch anonyme Morddrohungen eingegangen waren. Ihr Mitstreiter und Vorsitzender Theo Rous fühlte sich "zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben", zwischen seiner Liebe zur Leichtathletik, der Hoffnung, etwas zu bewegen, und dem blockierenden Verband und seinen Strukturen. Als Helmut Meyer und seine komplette Führungscrew im Oktober im Amt bestätigt wurden, verabschiedete sich Rous mit den Worten: "Um es mit einem Minimum an Bösartigkeit zu sagen: Wenn die Leute bleiben, die jetzt im Präsidium sitzen, dann hat der Verband die, die er verdient." •