Von Ulrich Herbert

Die Frage, warum er denn keine Memoiren schreibe, beantwortete Hermann Josef Abs mit dem Hinweis auf jenen "Ethos, dem ich absolut Respekt zolle: Das ist die Diskretion. Ich weiß zuviel. Da müßten viele Leute vom gedachten oder wirklich geplanten Denkmalsockel heruntersteigen, die würden sich wundern; im Dritten Reich die Anpassungsfähigkeit von Industriellen, die sich alle nachher in der Entnazifizierung mit vielen falschen Zeugenaussagen reingewaschen haben, das kann ich doch nicht alles bringen." Diese fürsorgliche Zurückhaltung mag sich auch aus der Erinnerung an seine eigene Anpassungsfähigkeit während jener Jahre erklären. Zu seinem neunzigsten Geburtstag im vergangenen Jahr aber hat Abs ein Buch veröffentlicht, das den Eindruck hervorruft, er habe nun doch seine Erinnerungen geschrieben.

Hermann J. Abs:

Entscheidungen 1949-1953 Die Entstehung des "Londoner Schuldenabkommens"; Verlag v. Hase und Koehler, Mainz 1991; 368 S., 68,– DM

Tatsächlich verbirgt sich zwischen den Buchdeckeln eine von dem Frankfurter Wirtschaftshistoriker Bernd Kulla, Mitarbeiter im Historischen Archiv der Deutschen Bank, verfaßte Studie über die Entstehung des Londoner Schuldenabkommens von 1953. Abs war Leiter der deutschen Delegation bei den Verhandlungen in London, und Kulla konnte eine Reihe von Insiderinformationen in seine Darstellung einbeziehen. Überwiegend aber beruht diese detailfreudige und sehr nüchterne Fleißarbeit auf umfangreichen Archivrecherchen; sie hätte in dieser Form im wesentlichen wohl auch ohne die persönlichen Erinnerungen von Abs geschrieben werden können.

Die westdeutsche Wirtschaft war zu Beginn der fünfziger Jahre in einer prekären Lage: Einerseits gab es bereits viele Anzeichen für einen baldigen Aufschwung; andererseits war dafür nach dem Auslaufen des Marshallplans der Zufluß ausländischen Kapitals die unabdingbare Voraussetzung. Für die ausländischen Investoren aber war die deutsche Wirtschaft nicht mehr kreditwürdig, denn die Deutschen hatten gegen das Grundgesetz der Kreditwirtschaft verstoßen: Sie hatten ihre Schulden nicht bezahlt. Dabei ging es sowohl um Restschulden aus den dreißiger Jahren als auch um die amerikanischen Finanzhilfen nach 1945.