Die Stunde ist da“ (Joh. 17,1), der Prophet erleidet sein Schicksal vor den Augen der Menschen. Eine erstaunlich breite Öffentlichkeit beobachtet die Auseinandersetzung des Theologen Eugen Drewermann mit seiner Kirche – als ginge es um Heil oder Verdammnis. Von seinem Schicksal macht Showmaster Thomas Gottschalk sein Verbleiben in der Kirche abhängig, für ihn bekennen im ZDF Menschen ihren Glauben mit bösen Blicken auf den Bischof, zu ihm pilgern im säkularisierten Hamburg die Massen. Ein ganzes Glaubenssystem beschert Drewermann seiner Gefolgschaft und weiß auf alles eine tiefenpsychologische Antwort: Jungfrauengeburt, Abtreibung, Krieg, Frieden und was den Menschen böse macht und selig. Er spricht verstehbar von der alten Bibel mit ihren Geschichten und Wundern, allesamt Mythen, so als könne es gar nicht anders sein.

Sein Kontrahent, Bischof Walter Kasper, bemüht im Fernsehen das Rahnersche Wort „Realsymbol“. Drewermann hat recht: Die Hirten machen der Herde das Glauben wirklich schwer. Und gnadenlos entlarvt er eine Dogmatik, die scheinbar nur noch dazu dient, Abweichler auszugrenzen.

„Meine Worte sind Medizin für die Menschen“, sagt Drewermann. Spricht da einer mit Vollmacht, eben ganz anders als die übrigen Schriftgelehrten? Rundum hebelt Drewermann Theologie aus den Angeln, von den alten Dogmen bis zur Politischen und Befreiungstheologie. Dabei stellt er Banales ins Zentrum seiner Botschaft: „Wir werden erst Menschen, wenn wir die Angst durch Vertrauen überwinden.“ Aber er zielt hoch, wenn er sein Buch „Kleriker“ an einem 31. Oktober vorstellt, dem Tag von Luthers allerdings mythischem Thesenanschlag. Mit seiner Selbstdarstellung wirkt er an der Verklärung durch seine Anhänger mit. Glaubst du an Drewermann oder nicht?

Der Theologe stillt den Hunger nach Transzendenz. Menschen, die vom Brot allein nicht mehr oder noch nicht leben können, hängen an seinen Lippen, wenn er die Brotvermehrung zu einem „inneren Geschehen“ erklärt und so alle aufklärerischen Zweifel von dem Wunder nimmt. Zu Drewermanns Füßen sitzen überwiegend Hörerinnen, die in Muße der Sinnfrage der Mittelklasse nachgehen. Er hilft ihnen aus der Klemme bei der Frage nach Gott, den er in Bilder auflöst, die Leben deuten und therapieren. Der Auferstandene rückt in die Nähe des Kleinen Prinzen.

Drewermanns Verurteilung bestätigt seine Gefolgschaft in ihrem Mißtrauen gegen die Amtskirche. Der Paderborner Erzbischof Degenhardt ist Kläger und Richter. Dies verstärkt den Verdacht, wieder einmal würde einer von der Macht verketzert, der den Menschen doch nur glauben hilft. Wenn die Kirche schon meint, beurteilen zu müssen, ob einer der Ihren die Grundlagen der Lehre verlassen hat, dann gefälligst mit einem fairen Prozeß: mit Kläger und Verteidiger, einem Richtergremium und Berufungsinstanz. Was soll die bischöfliche Selbstherrlichkeit?

Die Anhänger scharen sich nun noch enger um den Verfolgten, diesmal soll kein Hahn den Leugnern nachkrähen. Aber beweist das Stigma der Verfolgung, von Drewermann zum allgemeinen Erschauern medienwirksam vorgeführt, schon die Echtheit des Propheten? Ach, schön wäre es, Zeuge einer heilsgeschichtlichen Stunde zu sein. Doch Degenhardt ist kein Pilatus und Drewermann kein Messias. Die Stunde gehört Gottschalk, die Show geht weiter. Martin Merz