Zwischen Widerstand und Anpassung – so definierten die protestantischen Kirchen ihren Kurs in den Zeiten der SED-Herrschaft. Obwohl die Formel „Kirche im Sozialismus“ fast amtlichen Charakter annahm, war sie zu keiner Zeit unumstritten – und auch niemals eindeutig. Bloße Ortsangabe, Markierung einer bleibenden Differenz oder einer möglichen Beziehung – der Deutungsmöglichkeiten boten sich viele.

Der hier abgedruckte Text aus der Zeit vor der Wende stellt ein besonders prägnantes Beispiel der kritischen Auseinandersetzung mit beidem dar, sowohl der kirchlichen Politik gegenüber dem Staat als auch der staatlichen Politik gegenüber der Kirche. Im Rückblick erweist er sich als ein Dokument wider die Vereinfacher, die den Protestantismus heroisieren oder dämonisieren, entweder als erbitterten Gegner oder als feigen Kollaborateur des SED-Regimes stilisieren wollen. Dieser Text wurde am 2. Oktober 1989, also noch vor den Jubiläumsfeiern zum 40. Jahrestag der Staatsgründung, vorgetragen, und zwar in einer Dialogrunde zwischen Marxisten an der Humboldt-Universität und Vertretern der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Wie angespannt die Atmosphäre damals war, ließ sich an der Tatsache ablesen, daß das Politbüro die Veranstaltung verhindern wollte. Richard Schröder, der nach der Wende zur SPD stoßen und schließlich den Vorsitz der sozialdemokratischen Fraktion in der demokratisch gewählten Volkskammer übernehmen sollte, vertiefte nämlich in diesem Referat kritische Thesen, die er bereits ein Jahr zuvor vorgetragen hatte – sehr zum Ärger der SED: „Durch den massiven und diffamierenden Charakter der Kritik Schröders am Sozialismus ... hat er den Rahmen jedes ernsthaften und sinnvollen Dialogs verlassen“, hieß es im Staatssekretariat für Kirchenfragen.

Der Theologe Schröder lehrte damals als Dozent für Philosophie am „Sprachenkonvikt“ in Ost-Berlin, wo unabhängig von den mehr oder weniger diskreditierten Sektionen an den staatlichen Hochschulen Theologen ausgebildet wurden. Der Vortrag, ein Lehrstück nicht des politischen Widerstandes, wohl aber der kirchlichen Eigenständigkeit, ist – zusammen mit anderen Aufsätzen Schröders – dokumentiert in dem Buch „Denken im Zwielicht“, erschienen bei J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) in Tübingen. R. L.

Das Hauptproblem der Formel „Kirche im Sozialismus“ ist dies: Sie soll den Beziehungen zwischen Staat und Kirche in der DDR eine Grundlage geben, sozusagen als Ersatz für das fehlende Konkordat. Aber eben dieses kann die Formel deshalb nicht leisten, weil sie in Gebrauch gekommen ist, ohne daß zuvor eine Sozialismusdiskussion geführt worden wäre, weder in den Kirchen, noch zwischen Staat und Kirche, noch zwischen Christen und Marxisten. Dialog war tabu. Hinter der Formel steht ebensowenig eine ausgearbeitete Konzeption wie hinter der Formel „Theologie des Dienstes“, die die ungarischen Protestanten in ähnlicher Weise gebraucht haben. Deshalb ist der Streit um die Formel bisher auch wenig produktiv. Die einen sind mit Emphase dafür, die anderen dagegen; aber wofür und wogegen, das sagt keiner so ganz genau.

Mein Beitrag „Was kann ‚Kirche im Sozialimus‘ sinnvoll heißen?“ (1988 geschrieben, die Red.) sollte diesem Mißstand abhelfen, indem er drei Bedeutungen des Wortes „Sozialismus“ unterschied, deren dritte allein in der Formel „Kirche im Sozialismus“ sinnvoll gemeint sein kann.

1. Das Wort „Sozialismus“ bedeutet – von Mißbrauch abgesehen – immer mindestens das Programm „einer politischen Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse mit dem Ziel eines gleichberechtigten und freien Zusammenlebens aller Bürger, das im besonderen die Chancen der sozial Schwachen und naturwüchsig Benachteiligten (Minderheiten) zu verbessern trachtet“. Einem solchen Programm kann kein Christ, ihm kann wohl auch kein vernünftiger Mensch im heutigen europäischen Kontext (in islamischen Ländern ist das schon anders) widersprechen. Denn daß auch in dieser Konzeption selbst bereits Spannungen und Gefahren liegen, ist kein Einwand gegen diese Konzeption, sondern sozusagen normal. Wäre „Kirche im Sozialismus“ auf ein solches Sozialismusverständnis zu beziehen, dann wäre die Formel unproblematisch, aber auch unspezifisch und also überflüssig. Denn dieser Konsens ist erkauft dadurch, daß zu der politisch entscheidenden Frage, wie nämlich dergleichen erreicht und erhalten werden kann, nichts gesagt ist. Die Formel „Kirche im Sozialismus“ ist denn auch von niemandem auf einen so weiten Sozialismusbegriff bezogen worden.

2. In der DDR wurde das öffentlich und politisch relevante Sozialismusverständnis bisher ausschließlich von der SED bestimmt. Aber „Sozialismus“ als Programm der SED, diese Bedeutung kann das Wort in der Formel „Kirche im Sozialismus“ jedenfalls nicht haben. Denn dann würde die Kirche erklären: „Kirche im x“, und die SED definiert jeweils, was diesmal x bedeutet, ein absurder Gedanke. Damit soll keineswegs die von der SED betriebene Politik pauschal abgelehnt werden. Im Gegenteil soll sie, wie das für jede Politik angemessen ist, einer die verschiedenen Elemente dieser Politik unterscheidenden, also differenzierten Beurteilung offenstehen. Es soll auch nicht behauptet werden, daß die Kirchen eine besondere Kompetenz oder gar ein politisches Mandat zur Beurteilung von Politik hätten. Freilich sind auch die Christen Bürger, und es wäre absurd, wenn ihnen das Recht und die Fähigkeit zur Beurteilung von Politik abgesprochen würde, die doch jedem Bürger schon deshalb zugebilligt werden muß, weil er schließlich wählen soll. Es soll lediglich klar und deutlich gesagt sein: Die Kirchen können sich nicht zu dem Sozialismusverständnis der SED bekennen.