Die Fronten in der Ozondebatte sind kräftig in Bewegung geraten: Die "Chemiker", die Ozonverluste in der Stratosphäre auf Industriechemikalien zurückführen, haben die Oberhand gewonnen über die "Dynamiker", die vor allem veränderte Winddynamik, Sonneneinstrahlung oder Vulkanismus für den Ozonabbau verantwortlich machen. Auch auf der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science (AAAS), die vom 6. bis 11. Februar in Chicago stattfand, beherrschten "Chemiker" die Diskussion: Sherwood Rowland, der als einer der ersten die Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) als Verursacher benannt hatte, und seine Kollegin Susan Solomon, die derzeit umfangreiche Messungen amerikanischer Forscher in der Nordpolarregion leitet. Während Rowland Selbstbewußtsein ausstrahlte als designierter Präsident der AAAS, einer der einflußreichsten Wissenschaftsorganisationen der Welt und Herausgeberin der Zeitschrift Science, konferierten seine Opponenten in einem kleinen Raum unter einer Rolltreppe zwischen den großen Vortragssälen.

Vor allem drei Argumente führen die Chemiker ins Feld:

  • Das Ozonloch über der Antarktis ist seit 1987 fast regelmäßig festgestellt worden. Zwar gab es auch früher wesentlich niedrigere Ozonwerte am Südpol als am Nordpol, doch in den vergangenen Jahren sanken sie etwa doppelt so stark ab. Dieses neue Phänomen wird ausgelöst, wenn nach der langen Polarnacht Licht auf die eiskalte Stratosphäre fällt und chemische Prozesse in Gang setzt. Falls die Winde mitspielen (1988 gab es nur leichte Ozonverluste), dann bilden sich stabile Stratosphärenwolken aus ätzenden Eis- und Säurekristallen. Diese setzen allmählich Chlor und dessen ozonzerstörende Form (Chlormonoxid) frei, das teils aus natürlichen Quellen, jedoch überwiegend aus FCKW stammt.
  • Jüngste Analysen der Daten aus den vergangenen zehn Jahren deuten darauf hin, daß auch in unseren Breiten (50. bis 60. Breitengrad) die Ozonwerte um sechs bis acht Prozent gesunken sind, allerdings so stark nur in der Winterzeit.
  • Ein amerikanischer Satellit und Forschungsflugzeuge fanden kürzlich vor allem über Kanada sehr hohe Werte des ozonfressenden Chlormonoxids. Gleichzeitig lagen die Ozonwerte in der Nordhemisphäre eher niedrig. Vergleichbare (nicht ganz so ausgeprägte) Beobachtungen hatte man bereits 1989 gemacht.

Das Datenmosaik im Ozon-Puzzle verdichtet sich. Aber daß jetzt die Presse vorzeitig alarmiert wurde, hat auch nichtwissenschaftliche Gründe: So dürfte auch der Kampf der Nasa um Forschungsmittel (in Chicago wurde über Geldmangel für Ozonmessungen geklagt) für den weltweiten Wirbel mitgesorgt haben. Ungewöhnlich schnell und mit 96 : 0 Stimmen fällte der US-Senat einen richtigen Entschluß, nämlich den Ausstieg aus den FCKW weiter zu beschleunigen. Auch Wahlkämpfe können katalysierend wirken.

Ursprünglich wollten Amerikaner und Europäer, die gemeinsam die arktische Lufthülle untersuchen, bis Anfang April mit Presseinformationen warten. Europäische Wissenschaftler mußten dies sogar schriftlich zusichern. Erst nach Ende der Messungen im März wird ein solider Überblick über die diesjährige Situation möglich sein, die vor allem durch den Pinatubo-Vulkanausbruch gekennzeichnet ist. Als Folge liegen die Mengen an schwefelsauren Tröpfchen (Aerosolen) in der Stratosphäre zehnmal höher als gewöhnlich, und es gibt starke Hinweise darauf, daß dadurch das gefährliche Chlormonoxid zunimmt. Unklar ist noch, wieviel Chlor der Pinatubo ausgespuckt hat.

"Die Theorie leitet, das Experiment entscheidet", lautet ein Grundsatz der Naturwissenschaften. Die Ozontheorie ist inzwischen qualitativ recht gut gefestigt, nicht zuletzt, weil sie immer wieder modifiziert wurde, um sie den Daten besser anzupassen. So gelten jetzt die Stickoxide als "Immunsystem" der Stratosphäre, weil sie Chlormonoxid "abfangen". Noch vor kurzem galten Flugzeuge wegen ihrer Stickoxidemissionen als "Ozonkiller". Quantitative Vorhersagen sind nach wie vor äußerst schwierig. Niemand kann vorhersagen, wann, wo und wie stark ein schon seit langem prophezeites Ozonloch am Nordpol auftreten wird. In diesen Tagen wird die Großwetterlage darüber entscheiden.

Selbst wenn es bei uns auftreten sollte, wie Nasa-Forscher meinten, so ist dies kein Grund, panisch die Sonne zu meiden, weil Hautkrebs droht. Schwankungen des Ozongehaltes (der stark vom Luftdruck abhängt) bis zu dreißig Prozent und mehr liegen im Rahmen natürlicher Extrema. Insbesondere aber steht in der kalten Jahreszeit die Sonne niedrig am Himmel, was das Licht zu einem langen Weg durch die irdische Lufthülle zwingt. Deshalb wird uns selbst dann weniger UV-Licht treffen als jene "Glücklichen", die zur Zeit auf Gran Canaria überwintern. Die Forscher sind sich darin einig, daß Änderungen im Freizeitverhalten die Hautkrebsraten mehr beeinflussen als ein Ozonloch. Gelänge es, den Bräunungskult abzuschaffen, dann könnte das Menetekel vom Ozonloch am Ende mehr Menschenleben retten als vernichten.

Inzwischen fordert auch die chemische Industrie den raschen Ausstieg aus den FCKW – und eine Verkürzung der Genehmigungsverfahren für neue Mittel. Wo rein bürokratische Hemmnisse bestehen, ist diese Beschleunigung sicher sinnvoll. Aber auch Recycling bei Kühlaggregaten könnte die FCKW-Emissionen mindern. Denn manchmal ist es besser, mit bekannten "Feinden" umzugehen, als sich neue, unsichere Kantonisten ins Haus zu holen. Hans Schuh