Von Tom Bethell

WASHINGTON. – Im heutigen Paraguay errichteten Jesuiten im 17. und 18. Jahrhundert eine sozialistische Gesellschaft mit ungefähr 200 000 Einwohnern. Die Menschen waren militärisch tapfer, und es hielten sich beharrlich Gerüchte über einen großen Wohlstand, der bei ihnen herrschte. Als die Gemeinschaft schließlich zusammenbrach, waren die Märkte jedoch leer. Ihre Wirtschaft hatte sich als vollkommen unfähig erwiesen.

Jetzt haben wir den Kollaps einer viel größeren sozialistischen Gesellschaft, der der Sowjetunion, miterlebt. Und wieder einmal zeigt es sich, daß alle Schätzungen über ihren Wohlstand in die Irre führten. In den sechziger Jahren behauptete die CIA, die sowjetische Wirtschaft werde bei einer angenommenen jährlichen Steigerungsrate von neun Prozent die amerikanische in den achtziger Jahren überholt haben. Erst im letzten November veröffentlichte Time Statistiken der CIA, aus denen hervorgeht, die sowjetische Wirtschaft sei 1990 mit 2,66 Billionen Dollar größer gewesen als die Japans mit 2,115 Billionen Dollar. Was für eine Absurdität!

Damit vergleichbar nahmen in den vergangenen Monaten Mutmaßungen über die Größe der sowjetischen Goldreserven mit einem Divisor von zehn oder mehr ab: Eine Schätzung aus dem Jahre 1985 von 2500 Tonnen reduzierte sich auf 240 Tonnen im letzten Monat. Doch wie dem auch sei, niemand aus dem Westen hat diese vermeintlichen Reserven jemals gesehen. Möglicherweise haben sie außerhalb der drei ausgestellten Goldbarren im Kreml-Museum auch niemals existiert.

Jetzt ist das nukleare Arsenal der UdSSR im Gespräch. „Man sollte davon ausgehen, daß sie über ungefähr 25 000 bis 30 000 Sprengköpfe verfügen“, erklärte US-Verteidigungsminister Dick Cheney vor kurzem. Präziser geht es wohl nicht. Stets werden derartige Zahlen mit einer großen Fehlermarge angegeben. Daraufhin fragte ich Richard Perle, der während der Reagan-Jahre stellvertretender Verteidigungsminister und zuständig für die Rüstungskontrolle war, ob den Schätzungen über die Zahl der sowjetischen Sprengköpfe möglicherweise das gleiche Schicksal drohe wie denen über das Bruttosozialprodukt der Sowjets. „In bezug auf die Sprengköpfe haben wir einen besseren Überblick“, antwortete er. „Wir haben schließlich eine Menge Geld ausgegeben, um sie richtig zu zählen.

Aber“, fuhr er fort, „man kann die Möglichkeit nicht außer acht lassen, daß sich darunter eine ganze Menge Attrapen befand.“

Die Produktionswege wurden von der CIA nicht direkt beobachtet. Vielmehr wurde aus der Anzahl der Arbeitskräfte und den zugewiesenen Ressourcen auf die Produktion geschlossen. Die Menge der seegestützten Nuklearwaffen wurde aus der Anzahl der U-Boote abgeleitet: Dazu multiplizierte man einfach die an ihnen befestigten Raketenrohre mit der Anzahl der Sprengköpfe, die jede Rakete tragen konnte. Möglicherweise, sagt Perle, werde sich herausstellen, daß die Hälfte der Rohre leer gewesen sei. Im ganzen glaubt er jedoch, daß sich unsere Zahlen als zutreffend herausstellen werden.