Man sollte es nicht für möglich halten: Ausgerechnet in Polen, einem Land also, das unter dem Nazi-Terror so furchtbar gelitten hat, wird heute „Mein Kampf“ in polnischer Übersetzung verkauft. Hitlers Machwerk erscheint nicht etwa als Billigausgabe, sondern auf gutem Papier. Eine unbekannte Verlagsanstalt in Südpolen hatte diese Marktlücke mit sicherem Gespür erkannt. „Mein Kampf“ wurde zum Kassenschlager, 20 000 Exemplare wurden bereits abgesetzt.

Daß dieses Buch wegen seines rassistischen Inhalts in den Vereinigten Staaten, in England und auch in Deutschland verboten ist, scherte die Verleger wenig. Die polnische Öffentlichkeit ist nun erstaunt und entsetzt zugleich. Die jüdische Gemeinde protestierte mit Nachdruck gegen die Verbreitung des Buches. Der Staatsanwalt sah sich zu der Äußerung gezwungen, er habe von alledem nichts gewußt. Der Verlag selbst ist nicht auszumachen, in keinem Handelsregister findet sich sein Name. Die Behörden tappen im dunkeln.

Die Proteste gegen die Verbreitung von Hitlers Hetze werden zwar lauter, doch brachten sie dem Buch vorerst nur zusätzliche Reklame. Die Publikation verschwand aus den Regalen: Nun kann man „Mein Kampf“ unter dem Ladentisch zu einem höheren Preis erwerben.

Die Diskussion um das Buch zeigt zugleich, wie „pluralistisch“ heute in Polen gedacht wird. Neben Protesten melden sich in den Medien auch andere Stimmen, die sich gegen ein Verbot aussprechen. Argumentiert wird recht einfach: Das Buch habe historische Bedeutung, und heute müsse man die Geschichte allseitig kennenlernen, sich eben nicht nur auf alte Interpretationen stützen. Wer sich kritisch zu dem Buch äußere, müsse es auch gelesen haben. Ein Journalist meinte gar, daß ja auch in Israel die hebräische Übersetzung von „Mein Kampf“ erfolgen solle. Durch Lesen könne sich niemand „infizieren“, vielmehr helfe die Lektüre sogar, besser gegen Hitlers Ideen anzukämpfen.

Einige Beobachter warnen nun davor, die Affäre hochzuspielen; lieber solle man „ein Auge zudrücken“. Andere wiederum wenden ein, gerade das sei der beste Weg, auch das zweite Auge zu verschließen oder gar blind zu werden. Schon wird verglichen: So manche der Hitlerschen Tiraden seien nicht weniger gefährlich als die Schriften Lenins; aber die gebe es auch noch überall zu kaufen.

Die Debatte, die um die Veröffentlichung von „Mein Kampf“ in Polen entbrannt ist, legt die Frage nahe: Ist diese Publikation ein Preis der Freiheit? Der Streit um Hitlers Buch dreht sich eben auch darum, was die Bürger in Osteuropa nach dem Ende des Kommunismus unter „Demokratie“ verstehen wollen. In Polen meinen immer noch viele, Demokratie sei die absolute Freiheit für jeden, ohne Rücksicht auf Normen und Gesetze. Die Geschäfte mit „Mein Kampf“ sind ein markantes Beispiel dafür. Karin Tomala