Man nannte sie die weiße Hexe der englischen Literatur, eine Meisterin des magischen Realismus. Angela Carter schrieb über „Helden und Schurken“, über „Die infernalischen Traummaschinen des Dr. Hoffmann“ und den moralischen Pornographen De Sade; eine Frau, die sich schwer einordnen ließ, unterwegs in den Wunderländern und Schreckenskabinetten von Traum, Kunst und Wirklichkeit, immer den Ungeheuern auf der Spur, die unser Modell der Zivilisation fortwährend gebiert. Die Schriftstellerin und Essayistin ist am letzten Sonntag in London an Krebs gestorben. Sie war 51 Jahre alt.

Geboren wurde sie im Mai 1940 in Eastbourne, als in London die Bomben fielen. Im Elternhaus in London gab es keine Regeln, keine Strafen, und „wenn man die Tür hinter sich geschlossen hatte, herrschte eine seltsame Art von Traumzeit, die Uhren tickten langsam, keine zeigte die richtige Zeit“. Nach der Schulzeit versuchte sie sich als Journalistin, heiratete 1960, studierte dann Englisch, um sich von der Ehe zu befreien.

Anregungen fand sie in der französischen Literatur, in Psychologie und Anthropologie. „Das Haus des Puppenmachers“, 1967 erschienen, brachte ihr den ersten Literaturpreis und führt in den ihr eigenen Raum der Zauber und Schrecken: Verwaiste Kinder im Haus eines unheimlichen Onkels verlieren sich im Labyrinth von Menschen und Marionetten, von Eros und Tod. 1969 rannte sie weg aus dem „jüdisch-christlichen Kulturkreis“, weg von der Ehe, nach Japan, wo sie als Geisha arbeitete und lernte, „was es heißt eine Frau zu sein (Sklavin oder Spielzeug)“; sie kam als Radikale zurück. Ihre kulturkritischen Schriften über England und Japan, ihr kämpferischer Essay über Sexualität und Macht („Die Frau bei De Sade“, 1979) sind Augenöffner, subversive Exzerzitien, Aufbrüche aus den fesselnden Mythen und Bildern des Patriarchats.

In den achtziger Jahren lehrte Angela Carter an amerikanischen Universitäten. Mit 43 bekam sie einen Sohn, ihr erstes Kind; sie kehrte zurück nach London und vollendete im vergangenen Sommer ihr dreizehntes Buch, „Wise Children“. Ein Roman, so schrieb Salman Rushdie, „der die großen Themen, Shakespeare, die englische Kultur und das 20. Jahrhundert aus der Perspektive und mit dem ganzen tödlichen Ernst der trivialen Farce präsentiert“. Elisabeth Wehrmann