Für einen kurzen. Augenblick hielt die Welt in der vergangenen Woche den Atem an. Mehrere tausend Angehörige der Freiheitsfront für Jammu und Freiheits-(JKLF) hatten versucht, von Pakistan aus die verminte Waffenstillstandslinie nach Indien zu überrennen. Sie forderten Wiedervereinigung und Unabhängigkeit für ihr Vaterland Kaschmir – doch ihr Marsch endete im Kugelhagel der pakistanischen Armee. Drei Kriege haben Indien und Pakistan wegen des umstrittenen Territoriums schon geführt, ein vierter könnte unvorstellbare Folgen haben: Inzwischen verfügen beide Staaten über Atomwaffen.

Dies vor Augen, ließ Pakistans muslimischer Premierminister Nawaz Sharif zum erstenmal in der über vierzigjährigen Geschichte des Konflikts auf muslimische Kaschmiris schießen. „Ich werde sie doch nicht vor die Hinrichtungskommandos der Inder laufen lassen“, rechtfertigte er sich. „Raus mit den pakistanischen Hunden“, schrie daraufhin eine aufgebrachte Menschenmenge in der Hauptstadt des pakistanischen Teils von Kaschmir, der sich Azad Kaschmir nennt (Freies Kaschmir).

„Raus mit den indischen Hunden“, brüllte derweil eine empörte Menschenmenge, die trotz Ausgangssperre durch die Straßen von Srinagar stürmte, der Hauptstadt des indischen Teils von Kaschmir. Seit der Bürgerkrieg im indischen Teil Kaschmirs vor mehr als zwei Jahren offen ausbrach, ist von der alten Forderung nach Anschluß an das islamische Pakistan nur noch wenig die Rede. Statt dessen will die Mehrheit der Kaschmiris diesseits und jenseits der Grenze jetzt die Unabhängigkeit von beiden großen Nachbarn.

Diese Wende ist eine offene Kampfansage sowohl an Pakistan wie Indien. Und die beiden Großen der Region sind entschlossen, mit allen Mitteln die Unabhängigkeit des Kleinen zu verhindern. Denn das würde das Staatsverständnis beider Länder untergraben. So ist, einerseits, das einigende Band um das ansonsten recht brüchige pakistanische Staatsgefüge der Islam. Staatsgründer Jinnah sah die Existenzberechtigung des neuen Staates Pakistan darin, allen Muslims des Subkontinents eine Heimat zu sein. Für die indischen Politiker ist, andererseits, seit 1947 der Säkularismus die Basis ihres Staatsverständnisses: Mutter Indien sei groß genug, um alle Religionen und Völkerschaften aufzunehmen. Eine Abtrennung Kaschmirs aus religiösen Gründen würde mit diesem geheiligten Prinzip brechen.

Erstaunlich ist jedoch, wie unsensibel Delhi auf Forderungen seiner Minderheiten reagiert. Immer wieder wird versucht, ethnische und religiöse Widersprüche brutal zu ersticken, statt den Dialog zu suchen. Im Punjab, mit 20 000 Toten nach zehn Jahren Bürgerkrieg, hat sich die Sikh-Bevölkerung der Regierung total entfremdet, in Kaschmir gilt das gleiche nach zwei Jahren Krieg mit über 6000 getöteten Muslims. Kritiker und Organisationen wie amnesty international oder Asia Watch, die auf die erschreckenden Menschenrechtsverletzungen durch die indischen Sicherheitskräfte hinweisen, werden kurzerhand der Komplizenschaft mit Terroristen bezichtigt.

Es scheint, als ziehe der fehlgeschlagene Friedensmarsch der Freiheitskämpfer nun doch noch einen Erfolg nach sich: Der explosive Konflikt mit seinem nuklearen Sprengstoff gilt zum Unbehagen Indiens wieder als ein internationales Thema, ganz besonders bei den Vereinten Nationen. Für deren neuen Generalsekretär stehen Menschenrechte und Selbstbestimmung zudem ganz oben auf der Prioritätenliste. Die beiden selbsternannten Protektoren der Kaschmiris, Indien und Pakistan, haben die jüngste Runde jedenfalls verloren.

Sollte es jemals zu einem Referendum über die Zukunft Kaschmirs kommen, dann steht nur noch die Unabhängigkeit zur Abstimmung. Ob eine weitere Zersplitterung des Subkontinents freilich wünschenswert ist, das ist eine ganz andere Frage.

Gabriele Venzky (Neu-Delhi)