Von Dieter Buhl

Die erste Runde im Kampf um die amerikanische Präsidentschaft endete mit einem Paukenschlag. Wenn auch fast alle Kandidaten die Arme zur Siegergeste streckten, Anlaß zum Triumph hatte nur einer, der republikanische Herausforderer des Präsidenten, der George Bush einen schweren Dämpfer verpaßte. Ansonsten aber erzeugte die Vorwahl im Bundesstaat New Hampshire, die schon so manchem Politiker zum Durchbruch verhalf, diesmal keinen Schub ins Weiße Haus. Pyrrhus scheint Pate zu stehen bei denen, die als Gewinner gelten. Sie haben zwar eine Etappe geschafft, doch ihr Ziel liegt in sehr weiter Ferne.

Das Ergebnis spiegelt die Verwirrung vieler Amerikaner wider. Obwohl die Bürger New Hampshires nur einen winzigen Bruchteil der Wählerschaft Amerikas repräsentieren, läßt sich ihr Votum für viele andere Regionen hochrechnen: Die Suche nach einem Retter aus der Unsicherheit über die wirtschaftliche und soziale Zukunft, die Sehnsucht nach einem Führer aus dem Unbehagen über die veränderte Rolle des Landes im Zeichen der globalen Neuordnung haben bisher kein überzeugendes Objekt gefunden. Noch bleiben Monate und harte Kämpfe bis zu den Parteitagen im Sommer, die die Präsidentschaftskandidaten nominieren. Doch der Auftakt hat gezeigt, daß eher Zorn als Zuversicht die Wähler beflügelt.

Die Mißstimmung bekam George Bush zu spüren. Er erlebte auf bittere Weise den Stimmungsumschwung seiner Landsleute. Vor kurzem noch wurde er als Sieger im Kalten Krieg und als Held vom Golf gefeiert, jetzt mußte er einen großen Teil der republikanischen Stimmen an einen radikalen Außenseiter abgeben. Der Populist Buchanan wollte dem Präsidenten eine kritische Botschaft zustellen; er hat ihm einen verheerenden Schlag zugefügt. Bush schwankt und muß um sein politisches Überleben kämpfen. Dennoch wird ihm Buchanan die erneute Kandidatur nicht streitig machen können; dazu fehlen dem Journalisten die Mittel für den Wahlkampf und ein einleuchtendes Programm. Mit der Zustimmung einer lautstarken Minderheit im Rücken kann der Rechtsausleger jedoch den Protest gegen Bush unüberhörbar artikulieren. Er kann als Rächer der Erzkonservativen auftreten und dem Präsidenten zur Freude der Demokraten Prinzipienlosigkeit und Entscheidungsschwäche ankreiden.

George Bush bleibt nach der Schlappe nur ein Trost: Im Lager seiner demokratischen Widersacher gibt es nach New Hampshire ebenfalls keinen Anlaß zur Genugtuung. Die Demokraten haben in den vergangenen sechs Präsidentschaftswahlen nur einmal den Sieger gestellt. Jetzt, da Hochgefühl und Selbstbewußtsein der Reagan-Bush-Ära der Ernüchterung gewichen sind, da die Arbeitslosigkeit wächst und die Konkurrenzfähigkeit der amerikanischen Industrie sinkt, hätten sie erstmals wieder eine Chance, in das Weiße Haus einzuziehen. Dazu brauchen sie aber einen Kandidaten mit Schmiß und Kompetenz, einen Siegertyp, der die eigene Partei wie die Wähler im ganzen Land mobilisieren kann.

Die erste Vorwahl hat einen solchen Stimmenfänger nicht hervorgebracht. Der Spitzenreiter in der Wählergunst, Paul Tsongas, ist ein intelligenter und nachdenklicher Mann. Sein Abschneiden spricht für die Ernsthaftigkeit der Wähler, denn der ehemalige Senator hat ihnen nichts versprochen, sondern Opfer und Einschränkungen angemahnt. Aber er läßt sich nur schwer als Hauptdarsteller auf der nationalen Wahlkampfbühne vorstellen. Dazu fehlen Tsongas nicht bloß Ausstrahlung und politische Autorität. Ihm machen auch eine frühere Krebskrankheit, mangelnder Bekanntheitsgrad und ein wirtschaftlicher Liberalismus zu schaffen, der der Mehrheitsideologie seiner Partei widerspricht.

Nachdem der Hoffnungsträger vieler Demokraten, Bill Clinton, beim Auftakt keinen Vorsprung erzielte und nach vielen persönlichen Attacken an Glaubwürdigkeit verloren hat, muß er auf den nächsten Anlauf hoffen. Seine Schwierigkeiten und der glanzlose Sieger Tsongas könnten schon bald neue demokratische Prätendenten ermuntern. Noch ist es nicht zu spät. Der Feldzug für die Nominierung braucht nicht durch ganz Amerika und sämtliche Vorwahlkämpfe zu führen. Einem Bewerber mit Charisma und Erfahrung könnten spektakuläre Siege in ein paar Bundesstaaten reichen, um das Banner der Demokraten zu erringen. Namen werden bereits zur Genüge genannt.