Stuttgart

Die Nächte um den 5. April werden dunkel sein; Neumond wird herrschen, wenn Baden-Württemberg einen neuen Landtag wählt. Das mag manch einer für unwichtig halten, im Südwesten jedoch schauen Politiker aller Farben derzeit hinauf zum Himmel und erhoffen sich Eingebungen von den Gestirnen. Denn selten taten sich die demoskopischen Sterndeuter vor einer Wahl in Stuttgart so schwer wie dieses Mal. Im einzigen von der CDU allein regierten Alt-Bundesland ist nach zwanzig Jahren christdemokratischer Macht ein Wechsel zumindest denkbar. Das belegen allerdings weniger die völlig konträren Ergebnisse von Meinungsumfragen als vielmehr die Nervosität und die Unsicherheit auf der Regierungsbank. Die Demoskopen stimmen nur in einem überein: Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg heißt nach dem 5. April entweder Erwin Teufel (CDU) oder Dieter Spöri (SPD).

Vor wenigen Tagen veröffentlichte die Landesregierung eine von ihr in Auftrag gegebene Studie der Frankfurter Basisresearch GmbH, wonach die Christdemokraten mit 48 Prozent weiterhin fest im Sattel sitzen werden. Die SPD dagegen bleibt, wie seit vielen Jahren, in ihrem 33-Prozent-Turm gefangen. Zwei Wochen zuvor hatten die Sozialdemokraten ihrerseits freudig mit dem Ergebnis einer von ihnen bestellten Forsa-Umfrage gewedelt, das ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU prophezeit: Mit den ihr dort vorhergesagten vierzig Prozent läge die SPD demnach sechs Wochen vor der Wahl nur noch drei Punkte hinter der CDU.

Als Dritter im Bunde der Wahlpropheten meldete sich der Südwestfunk zu Wort. Der als "Schwarz-Funk" verschriene Sender mit starker CDU-Hausmacht veröffentlichte eine Infas-Umfrage, deren Ergebnis zwar die CDU beruhigte, deren Erhebungsmethoden jedoch so gravierende Mängel und handwerkliche Fehler aufwiesen, daß nicht einmal die Deutsche Presse-Agentur bereit war, die Umfrage zu veröffentlichen.

Die offensichtliche Neigung einzelner Institute, ihren Auftraggebern nur gute Nachrichten zu übermitteln, halten seriöse Meinungsforscher für abträglich. "Eine Schande für unsere Profession", nennt ein Insider die enormen Abweichungen in den baden-württembergischen Umfrage-Ergebnissen und verweist auf Schleswig-Holstein, das ebenso am 5. April einen neuen Landtag wählt und wo die Wahlprognosen dreier verschiedener Institute für die regierende SPD lediglich zwischen 48 und 50 Prozent schwanken.

Weil aus dem Schatten von Lothar Späth dessen Nachfolger Erwin Teufel nicht gerade als Lichtgestalt trat, glaubt Dieter Spöri, die Sonne scheine auf ihn. Er stellte seine potentielle Regierungsmannschaft nicht als "Schattenkabinett", sondern als "Sonnenteam" vor und überraschte mit dem Mut, vorwiegend Unbekannte auf seine Liste zu setzen. Namen wie Peter Hofelich (vorgesehen für das Wirtschaftsressort) oder Ruth Weckenmann (Frauenpolitik) kannten bis dahin nicht einmal altgediente Beobachter der Landespolitik. Spöri, der zum zweiten Mal antritt, setzt auf das "intuitive Demokratieverständnis" der Schwaben, nach zwanzig Jahren Alleinregierung der CDU angeblich einen Wechsel zu wollen. Die Reaktion in den Medien schwankte zwischen Anerkennung und Kritik über die unkonventionelle Nominierung. Die größte Aufmerksamkeit in Spöris dreizehnköpfigem Sonnenteam (sechs davon sind Frauen) galt der früheren Spitzensportlerin, Ärztin und heutigen Journalistin Heidi Schüller (41), die für die SPD das Gesundheits- und Sozialministerium übernehmen soll. Die parteilose Schüller, witzelte die Stuttgarter Zeitung am Tag nach der Nominierung, habe von badenwürttembergischer Landespolitik "vermutlich wenig Ahnung", was man jedoch vernachlässigen könne, da sie doch in der deutschen Olympiamannschaft von 1972 als "schönste Frau" gegolten habe.

Tatsächlich beruft sich die in Köln lebende Ex-Moderatorin von Talk im Turm mehr auf ihre fachliche als auf ihe geographische Kompetenz. Wo Saulgau liegt, weiß Heidi Schüller nicht. Dafür will sie sich aber in der Medizin "für mehr menschliche Zuwendung anstelle von technischer Überversorgung" stark machen. Im eher wortkargen und maulfaulen Südwesten wirkt Heidi Schüller fast wie gedopt, was wohl die Frankfurter Rundschau dazu hinriß, ihr besondere Qualitäten in "Aussehen, Zielstrebigkeit und Wortgewandtheit" zu attestieren.