Ein CIA-Offizier brettert über die Küstenstraße von Maine. Die Landschaft ist schaurig, scharf sind die Kurven. „Als ich ins Schleudern geriet, sangen meine Reifen wie ein Kinderchor zwischen tausend Teufeln.“ Zweifellos, ein gottesfürchtiger Mann. „Leere Sommerhäuser standen unheimlich wie Grabkreuze da und klagten mich an.“ Ein Mann mit schlechtem Gewissen.

Fremdgegangen ist er wieder einmal. Mit einem Serviermädchen. Auch die Sprache, gerade noch irgendwo zwischen Poe und Tolkien, geht jetzt in die Küche. Ein Pfundsweib, diese Chloe, „so gewöhnlich wie Bratensoße“. Und doch ergänzen sie sich „so gut wie Karotten und Erbsen in ein und derselben Suppe“. Und die Küsse der Geliebten schmecken „wie Sahnebonbons, weich, klebrig und unendlich feucht“.

Unendlich klebrig. Das gilt auch für die Sätze eines Schriftstellers, der einmal als der größte lebende Macho der amerikanischen Literatur galt. Ja nichts „Laues“ verspricht Norman Mailer, 69, im Begleitwort zu seinem neuen Roman „Gespenster“, einem „Epos der Geheimen Mächte“. Knallhartes will der Autor der „Nackten und der Toten“, der Boxer, Reporter, Marilyn-Biograph, Castro-Verehrer und sechsfache Ehemann jetzt anrichten. Eine CIA-Saga mit erotischem Flair und dokumentarischem Touch. Doch in seiner siebenundzwanzigsten Runde, sprich Buchveröffentlichung, landen Mailers verbale Schwinger nicht selten daneben. Die Linke in der Bratensoße, die Rechte in der Suppe. Zum Nachtisch noch so ein deftiger Vergleich: „Und so rutschte ich fröhlich wie ein Waldschrat auf ihr herum.“

Apropos Vergleich. Der Offizier am Steuer denkt nicht nur an seine scharfe Geliebte, sondern auch an seine Gemahlin. Das sprachliche Rezept bleibt zwar das gleiche, der Minnesang steht jedoch auf vornehmeren Blüten. Eine Kurve sozusagen von Bukowski zu Courths-Mahler. „Unsere Ekstase war so herb wie das Leuchten des Meeres von Maine ... Sie hatte den Blick eines Engels, und nur ein feiner Nebel verschleierte das klare Blau ihrer Augen.“ Schon ihre Mutter hatte „Augen so blau wie die Blüten der Stauden im Garten“. Und da wir schon einmal im Garten gelandet sind, sei auf ihre außerordentlichen vokalen Reize hingewiesen: „Kittredges Stimme kam aus ihr, wie eine Blüte sich aus der Knospe öffnet.“

Bei so viel Stilblüten sind wir über das Ende der langen Autofahrt geradezu erleichtert. Indes: „Oh, lieber Mann, komm nicht herein, noch nicht.“ Mit hängenden Schultern Harry Hubbard: „Mein Leib hatte an diesem Abend schon jämmerlich gefroren, und nun fror auch meine Seele. Irgend etwas stimmte ganz und gar nicht.“

Ehe wir das Rätsel lösen, sei vermerkt, daß an dieser Prosa nicht nur irgend etwas nicht, sondern gar nichts stimmt. Die Bilder nicht, die Vergleiche nicht, die Gefühle nicht, die Grammatik nicht, die Sätze nicht. Und der Übersetzer hat sich leider als guter Beifahrer des Autors bewiesen.

Warum friert Harry? Ganz einfach, Gespenster sitzen in seinem Nacken. Und das sind seine früheren Kollegen bei der CIA. Von ihnen will er sich befreien. So beichtet er seinem Steuerrad nicht nur Frauengeschichten, sondern auch Revolvertaten. Zum Beispiel wie er in Vietnam das ganze Magazin seiner 357 Magnum in einen Busch abfeuerte. Oder wie Kittredges Freundin eine VIP-Affäre mit Präsident Kennedy einging. Und daß die ortsansässigen Jungs von der CIA dringlichst einen Sexshop „auf höchstem Niveau“ verdient hätten. Aus arbeitstherapeutischen Gründen. Und Harry präsentiert uns, in Stichworten, Highlights und Niederlagen aus der Geschichte der Agentur: gescheiterte Anschläge auf Fidel Castro und Patrice Lumumba, Hiroshima, Puff-Besuche in Saigon, Watergate, Absturz einer Linienmaschine und so fort. Nebenbei sinniert er über das Schicksal der Abnaki-Indianer und liefert Landschaftsbeschreibungen für das Tourismusgewerbe. Bei allen Seelenqualen findet Harry genügend Muße für Heimatkunde, Ethnologie, Wildwest-Romantik, Biologie, Geschichte, Eliot-Interpretation, Ehepsychologie und andere wichtige Dinge des Lebens. Er monologisiert nicht, der Situation gemäß, vor sich hin. Er doziert. Eine durch und durch konstruierte, eine unglaubwürdige Erzählerfigur.