Von Carl D. Goerdeler

Die mehrstöckige Autopista del Este ist wie immer verstopft, und in „El Silencio“ herrscht der übliche lärmende Trubel der Marktstände und Busstationen von Caracas. Nur am Flugfeld von La Calota, dem Paläcio Miraflores und anderen Regierungsgebäuden sind die Spuren des Putsches vom 3. Februar nicht so schnell zu verwischen. Geschoßeinschläge erinnern an die Nacht, in der unzufriedene Offiziere und Mannschaften den Präsidenten Carlos Andres Perez beseitigen und die Demokratie in Venezuela aus den Angeln heben wollten.

Es ist noch einmal gutgegangen; die Streitkräfte sind dem Aufruf der Putschisten mehrheitlich nicht gefolgt, die Revolte wurde in wenigen Stunden niedergeschlagen, die Anführer verhaftet, die Toten begraben. Aber sind damit auch die Ursachen für den Aufstand beseitigt?

Der Militärputsch in Venezuela weckt die Erinnerungen an die Unruhen vor drei Jahren. Damals zogen die Massen aus den ranchos, den Elendsquartieren an den nackten Berghängen, hinunter in die vornehmen Quartiere, plünderten die Supermärkte und setzten Kaufhäuser in Brand. Die Polizei konnte mit Mühe und Not den Volkszorn stoppen; 300 Opfer waren zu beklagen. Wie damals, so waren auch diesmal der Frust über die soziale Lage und der Zorn über die Politiker die Triebkräfte der Rebellion. Dabei ist Venezuela durch sein Erdöl eines der wohlhabendsten Länder Lateinamerikas und stolz auf seine lange demokratische Tradition. Wenn ein Militärputsch ausgerechnet in diesem Lande eine Chance hat – wie steht es dann mit der Demokratie in ganz Lateinamerika?

Lateinamerika hat die Depression überwunden“, im Subkontinent bestehe nach einem „verlorenen Jahrzehnt“ ein „Hoffnungsschimmer“, hatte noch Ende vergangenen Jahres die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika (Cepal) verkündet. Erstmals seit vier Jahren verbuche die Region ein Wirtschaftswachstum von rund drei Prozent, der Netto-Kapitaltransfer habe sich positiv gewendet – mehr Dollars flössen nach Lateinamerika hinein als wieder hinaus. Die makroökonomischen Daten für Venezuela (Wirtschaftswachstum neun Prozent!), Mexiko, Chile, Panama und Argentinien seien ermutigend, und selbst Länder wie Kolumbien, Bolivien, Ecuador und Uruguay zeigten eine gewisse Stabilität.

Doch von Wirtschaftsstatistiken wird man nicht satt. Venezuela hat zwar unter allen lateinamerikanischen Ländern die meisten Millionäre – aber auch Millionen Bettler. Venezuela verzeichnet das höchste Pro-Kopf-Einkommen (3200 Dollar pro Jahr), aber die Hälfte der Bevölkerung hat kein Geld, um sich mehr als eine Mahlzeit pro Tag zu leisten. Die Verteilung des Volksvermögens ist in diesem „Musterländle“ ungerechter als in allen anderen Staaten Lateinamerikas, mit Ausnahme von Brasilien – ebenfalls ein sagenhaft reiches Land mit einer unglaublich armen Bevölkerung. Die neoliberale Wirtschaftspolitik zur Öffnung der Märkte, Stärkung der Konkurrenz und Abbau der staatlichen Bürokratie hat zwar fast überall auf dem Subkontinent zu einer Verbesserung der Bilanzen, aber keineswegs zur Besserung der Lage des Volkes geführt.

Der Cepal-Bericht von der Morgenröte in Lateinamerika erwähnt die „Erblast der ungerechten Verteilung“ und die sozialen Kosten, die mit der Sanierung der Volkswirtschaften in Kauf genommen wurden, nur am Rande. Trotz Wirtschaftswachstum und ausgeglichener Haushalte, Rückgang der Inflation und Zufluß von Fremdkapital ist das Pro-Kopf-Einkommen nur in Kolumbien, Chile, auf Barbados und in Jamaica 1991 höher gewesen als vor zehn Jahren. Wenn dieser Durchschnitt schon so übel ausfällt – wie mag es dann dem einzelnen Latino wohl gehen? Über die Verteilung der Güter und Einnahmen und die tatsächlichen sozialen Zustände kann nur der Augenschein Aufschluß geben, zuverlässige Statistiken existieren kaum.