Das einst blühende Karelien ist zum entlegenen Notstandsgebiet verkommen

Von Fredy Gsteiger

Wiborg, im Februar

Die beiden Soldaten aus Kiew amüsieren sich köstlich. Durch eine beschlagene Schaufensterscheibe betrachten sie vergilbte Schwarzweißphotos von spektakulären Autounfällen. Daneben sind umständlich abgefaßte Regeln für das Verhalten im Verkehr zu lesen. Die für die Straßen zuständige Behörde, wenigstens sie, hat den Kampf gegen das Chaos und das Elend, in dem Karelien versinkt, anscheinend noch nicht aufgegeben. Ihre Schneepflüge dröhnen zu dritt nebeneinander durch die trostlosen Straßen Wiborgs. Sie wecken Erinnerungen an frühere Panzerparaden.

Am tief verschneiten Grenzposten Vaalimaa – einem von nur zweien an der 1320 Kilometer langen finnisch-russischen Grenze – steht zitternd eine Gruppe Russen in der Schlange vor der Paßkontrolle. Der eisige Nachtwind drückt die Glastüren auf und fegt durch das Zollgebäude. Die Grenzwächter tragen noch ihre alten Uniformen mit Hammer- und Sichel-Emblemen und rotem Stern. Doch die sozialistische Sauertopfmiene haben die meisten abgelegt. Ihr Kommandant sieht großzügig über mein unzureichendes Visum hinweg. Es ist ja, drückt seine Miene aus, nicht mehr wichtig, wer reinkommt.

An der Straße nach Wiborg, finnisch Viipuri, stehen alle paar Kilometer Schuljungen. Sie bieten Pelz- und Uniformmützen ihrer Väter feil. Doch die meisten Finnen brausen an ihnen vorüber. Die Angst vor den in letzter Zeit häufigen bewaffneten Raubüberfällen sitzt ihnen im Genick.

Das Hotel „Druzhba“ in Wiborg, eine neue, aber bereits heruntergekommene Intourist-Herberge, ist Treffpunkt und Fluchtort der finnischen Besucher. Die meisten tragen detaillierte Landkarten bei sich. Kreuze markieren die Orte, wo einst ihre Häuser und Gehöfte standen.