Heimliche Hilfe der Kirchen für Massenmörder und Schreibtischtäter

Von Ernst Klee

Nicht irgendwelche Nazi-Hilfswerke, die deutschen Kirchen waren es nach 1945, die am wirkungsvollsten Nazi-Verbrechern geholfen haben. Dieses Urteil fällt mir nicht leicht: Ich habe Theologie studiert, bin mit einer Pfarrerin verheiratet und immer noch des Glaubens, Kirche müsse Schützerin der Verfolgten sein.

Noch heute erinnere ich mich an den Beginn meiner Recherchen. Ich saß in einem kirchlichen Archiv. Vor mir lag eine kaum zu bewältigende Menge von Ordnern, die bis dahin niemand hatte einsehen wollen. Die Akten enthielten zahlreiche Beschwerden bekannter Nazi-Täter. Alle beteuerten, unschuldig zu sein. Ich überblätterte diese Eingaben, denn ich konnte mir damals noch nicht vorstellen, daß irgend jemand die Klagen berüchtigter KZ-Ärzte oder Massenmörder ernst nehmen könnte.

Natürlich wußte ich, daß nach 1945 Priester in Rom Nazi-Verbrechern wie Eichmann oder Barbie zur Flucht ins Ausland verholfen hatten. Nun aber sah ich, daß Nazis, die nicht via Italien fliehen konnten, klammheimlich bei beiden großen Kirchen, der katholischen wie der evangelischen, Beistand gefunden hatten. Im gleichen Maße wie die Kirchen vor 1945 zur Verfolgung der Opfer geschwiegen hatten, engagierten sie sich nach 1945 für die Täter.

Unter den vielen Briefen im (stark gelichteten) Nachlaß des bayerischen Landesbischofs Hans Meiser befindet sich ein Schreiben des ehemaligen SS-Sturmbannführers Matuscyk, der damals in der SS-Lazarett-Abteilung Traunstein interniert war. Der SS-Offizier bedauert, daß sich die SS im Kampf gegen die Kirche schwer versündigt habe. Nun möge der Bischof die SS-Männer in die Seelsorge einschließen. Wendig schließt Matuscyk mit dem Bibelwort: "Bittet, so wird euch gegeben".

Die bayerische Kirchenleitung ist gerührt. Meiser läßt dem Ex-Sturmbannführer das Christus-Wort ausrichten: "Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinausstoßen." Und Andreas Wittmann, Meisers Entnazifizierungsspezialist, meint: "Sowenig die Kirche sich geweigert hat, einem Sozialdemokraten den Dienst ... zu erweisen, genausowenig wird sie es hier tun."