Heimliche Hilfe der Kirchen für Massenmörder und Schreibtischtäter

Von Ernst Klee

Nicht irgendwelche Nazi-Hilfswerke, die deutschen Kirchen waren es nach 1945, die am wirkungsvollsten Nazi-Verbrechern geholfen haben. Dieses Urteil fällt mir nicht leicht: Ich habe Theologie studiert, bin mit einer Pfarrerin verheiratet und immer noch des Glaubens, Kirche müsse Schützerin der Verfolgten sein.

Noch heute erinnere ich mich an den Beginn meiner Recherchen. Ich saß in einem kirchlichen Archiv. Vor mir lag eine kaum zu bewältigende Menge von Ordnern, die bis dahin niemand hatte einsehen wollen. Die Akten enthielten zahlreiche Beschwerden bekannter Nazi-Täter. Alle beteuerten, unschuldig zu sein. Ich überblätterte diese Eingaben, denn ich konnte mir damals noch nicht vorstellen, daß irgend jemand die Klagen berüchtigter KZ-Ärzte oder Massenmörder ernst nehmen könnte.

Natürlich wußte ich, daß nach 1945 Priester in Rom Nazi-Verbrechern wie Eichmann oder Barbie zur Flucht ins Ausland verholfen hatten. Nun aber sah ich, daß Nazis, die nicht via Italien fliehen konnten, klammheimlich bei beiden großen Kirchen, der katholischen wie der evangelischen, Beistand gefunden hatten. Im gleichen Maße wie die Kirchen vor 1945 zur Verfolgung der Opfer geschwiegen hatten, engagierten sie sich nach 1945 für die Täter.

Unter den vielen Briefen im (stark gelichteten) Nachlaß des bayerischen Landesbischofs Hans Meiser befindet sich ein Schreiben des ehemaligen SS-Sturmbannführers Matuscyk, der damals in der SS-Lazarett-Abteilung Traunstein interniert war. Der SS-Offizier bedauert, daß sich die SS im Kampf gegen die Kirche schwer versündigt habe. Nun möge der Bischof die SS-Männer in die Seelsorge einschließen. Wendig schließt Matuscyk mit dem Bibelwort: "Bittet, so wird euch gegeben".

Die bayerische Kirchenleitung ist gerührt. Meiser läßt dem Ex-Sturmbannführer das Christus-Wort ausrichten: "Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinausstoßen." Und Andreas Wittmann, Meisers Entnazifizierungsspezialist, meint: "Sowenig die Kirche sich geweigert hat, einem Sozialdemokraten den Dienst ... zu erweisen, genausowenig wird sie es hier tun."

Die Angeklagten in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen oder in den Dachauer Prozessen gegen KZ-Personal wurden von beiden Kirchen für politisch Verfolgte gehalten. Geständnisse von Nazi-Schergen wurden als Ergebnis von Foltermethoden jüdischer Vernehmer abgetan. Besonders zwei Kirchenführer verkündeten, in den Prozessen der Siegermächte seien Aussagen durch Mißhandlungen erpreßt worden. Der eine war der württembergische Landesbischof Theophil Wurm, deutschnational bis auf die Knochen und ein Antisemit der alten Schule, der andere war der Münchner Weihbischof Johann Neuhäusler, der selber einst Häftling in Dachau gewesen war. Seine Motive sind nicht bekannt. Das Archiv des Erzbistums München und Freising hält die Akten unter Verschluß.

Spätestens 1948 werden viele Kirchenvertreter zu den besten Anwaltsgehilfen der Nazi-Verteidiger. So hält beispielsweise Oberkirchenrat Hannsjürg Ranke von der Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am 12. Februar 1948 in einem Vermerk fest, er habe "die Angelegenheiten der Nürnberger Prozesse" mit dem Generalsekretär der Verteidigung im I. G.-Farben-Prozeß, Rechtsanwalt Rudolf Müller, besprochen. Die "Nürnberger Verteidigung" sei übereinstimmend der Ansicht, es sei bald an der Zeit, "Anregungen in der Richtung von Gnadenerweisen zu geben". Die Verteidiger hätten zu diesem Zweck bereits einen Brief entworfen, den der Kölner Kardinal Frings an den amerikanischen Präsidenten Truman richten sollte. Inzwischen hätten sich [der Verteidiger des ehemaligen Staatssekretärs Ernst von Weizsäcker] Hellmut Becker und Joseph Kardinal Frings zu einer Besprechung getroffen. Der Entwurf solle Frings in kurzer Zeit vorgelegt werden. Das heißt: Die "Nürnberger Verteidigung" betätigt sich als Ghostwriter des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz.

"Irgendein Verbrechen"

In der Eingabe an Truman wird behauptet, die Neuartigkeit der amerikanischen Militärtribunale liege darin, daß der einzelne Bürger verantwortlich gemacht werde für Maßnahmen seiner Regierung, "an denen er im Rahmen seiner staatsbürgerlichen Pflichten teilnahm". Auch beim Judenmord?

Auf katholischer Seite profilierten sich zwei Bischöfe als Fürsprecher der Kriegsverbrecher: neben Frings der Münchner Weihbischof Neuhäusler. Kardinal Frings schrieb rückblickend in seinem 1973 erschienenen Buch "Für die Menschen bestellt": "Eine besondere Tätigkeit erforderte damals die Sorge für die sogenannten Kriegsverbrecher, also Soldaten, denen man irgendein [!] Verbrechen zur Last legte." Neuhäusler scheute sich nicht, zum Beispiel Zeugen aus dem Flossenbürg-Prozeß bei der Militärregierung als . Homosexuelle, Kinderschänder, Zuhälter, Kommunisten und Berufskriminelle zu diffamieren.

Seit 1949 finanzierten beide Kirchen die Arbeit des in so manchem NS-Prozeß beschäftigten Rudolf Aschenauer. Seine Nürnberger Büroadresse lautete: Bärenschanzstraße 4-6, Caritasbüro. Beide Kirchen kamen somit auch für Aschenauers Büroleiter Heinrich Malz auf, einen ehemaligen SS-Obersturmbannführer. Malz hatte es 1944 zum Persönlichen Referenten von Ernst Kaltenbrunner gebracht, dem Chef des Reichssicherheitshauptamts und Vollstrecker der "Endlösung". Es ist nicht so, daß Malz seine Gesinnung den kirchlichen Auftraggebern verheimlicht hätte. Der Ex-Obersturmbannführer schreibt am 3. Juni 1949 dem Stuttgarter Oberkirchenrat Rudolf Weeber, Rechtsberater der württembergischen Landeskirche, über die Judenvernichtung: "Jedenfalls sprechen nicht wenige Anhaltspunkte dafür, daß unter den besonderen Bedingungen, unter denen die kriegerische Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus geführt werden mußte, auch ein derart grausamer Befehl nicht vorneherein außerhalb jeder Kriegsnotwendigkeit liegend anzusehen war."

Bei meinen Recherchen war ich schon früh auf einen Briefwechsel zwischen den beiden Nazi-Verteidigern Aschenauer und Fröschmann gestoßen. Georg Fröschmann, ein Duzfreund des bayerischen Landesbischofs Hans Meiser, bittet darin um Rückvergütung von zwei Zahlungen in Höhe von jeweils 800 Mark. Die Beträge seien "im Auftrage des Herrn Flick über Herrn Konrad Kaletsch" unter dem Titel "Förderung der historischen Arbeiten" an das evangelische Pfarramt St. Jobst in Nürnberg beziehungsweise an Herrn Dr. Malz in Rummelsberg übermittelt worden.

In der Kirchengemeinde St. Jobst amtierte bis August 1949 Pfarrer Andreas Wittmann, Entnazifizierungsspezialist des bayerischen Bischofs und Alt-Antisemiten Meiser, der sich schon 1945 für die verhafteten Industriellen und 1946 zugunsten des KZ-Personals eingesetzt hatte: "Eine Reihe von sehr ordentlichen Gemeindegliedern der verschiedenen Kirchen waren unter ihnen, auch ein Diakon."

Tarnkonto in St. Jobst

Ohne große Erwartung, die seltsamen Zahlungen aufklären zu können, besuchte ich die Kirchengemeinde St. Jobst. Die Zahlung der zweimal 800 Mark ließ sich in den Kirchenbüchern nicht finden (zur Verfügung stand das Pfarramtskassenbuch von 1949 bis Mitte 1951), dafür aber zahlreiche Spendenbelege, insgesamt über einige tausend Mark. Unter den Einzahlern ist beispielsweise Konrad Kaletsch, der für seinen in Landsberg inhaftierten Konzernchef Flick die Geschäfte führt und seinerzeit schon dem "Freundeskreis des Reichsführers-SS Heinrich Himmler" die Flick-Spenden überwiesen hatte.

Weitere Spender sind Firmen wie Stahlbau Rheinhausen, die Siegener Maschinenbau Aktiengesellschaft (Siemag), die Ruhrgas AG, der Verband Stahl- und Eisenbau sowie die Firma Krupp, deren Chef ja noch in Landsberg einsaß. In St. Jobst existierte sogar noch eine Karteikarte "Historische Arbeiten". Aus ihr ist abzulesen, daß der Titel ein Tarnkonto war, auf dem die Spenden zugunsten der Nazi-Täter eingezahlt, verbucht, gesammelt und anschließend an die Nazi-Verteidiger Aschenauer und Malz weitergeleitet wurden. Wahrscheinlich stand in St. Jobst die erste Spendenwaschanlage der Nachkriegszeit.

Besonders wirkungsvoll gestaltete sich die Zusammenarbeit von Kirchenvertretern und Nazi-Anwälten im "Heidelberger Kreis". Ausgangspunkt ist im Mai 1949 ein Treffen in der Heidelberger Universität, das Hodo Freiherr von Hodenberg, Präsident des Oberlandesgerichts in Celle, veranlaßt hat. Hodenberg, der den Einsatz Bischof Wurms für die Kriegsverbrecher bewunderte, arbeitete eng zusammen mit Bruno Heusinger, Oberlandesgerichtspräsident in Braunschweig. Heusinger war eine Zeitlang auch Vorsitzender der Inneren Mission in Braunschweig und stieg 1960 zum Präsidenten des Bundesgerichtshofes auf.

Geleitet wurden das Treffen Ende Mai 1949 und auch die Treffen der folgenden Jahre von dem Völkerrechtler Eduard Wahl, einem Bundestagsabgeordneten der CDU und seit 1953 Vorsitzenden des Ausschusses für Besatzungsfolgen. In Nürnberg hatte er die I.G. Farben verteidigt. Die katholische und die evangelische Kirche haben jeweils zwei Juristen nach Heidelberg abgeordnet. Dabei trat Rudolf Aschenauer, der sich mitunter vom Kaltenbrunner-Referenten Malz vertreten ließ, als Abgesandter von Weihbischof Neuhäusler auf.

Im Heidelberger Kreis wurde, wie den Tagungsprotokollen zu entnehmen ist, überlegt, wie man deutsche Politiker und amerikanische Senatoren beeinflussen könne und welche Taktik zugunsten der Internierten im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg man einschlagen solle. Die Denkweise der dort versammelten Juristen und kirchlichen Würdenträger läßt sich aus einem am 15. September 1949 verabschiedeten Appell an den amerikanischen Hohen Kommissar John McCloy ersehen. In dem Schriftstück, das später aus taktischen Gründen nicht publiziert wird, heißt es, es könne kein Zweifel bestehen, "daß in Dachau Angeklagte mißhandelt wurden und daß Urteile auf Grund ihrer erpreßten oder erschlichenen Geständnisse oder von Aussagen gedungener Zeugen gesprochen worden sind".

Wie an einer Geheimwaffe arbeiteten protestantische Kirchenführer in enger Fühlung mit dem Heidelberger Kreis an einer Denkschrift "über die Verfahren wegen Kriegsverbrechen vor amerikanischen Militärgerichten". Über die Verteilung dieser ersten und geheimen EKD-Denkschrift, nur in englischer Sprache und in durchnumerierten Exemplaren gedruckt, wurde – gegen Empfangsbestätigung – Liste geführt.

Unter den Empfängern findet man auch das Prozeßarchiv der I.G. Farben Frankfurt, denn, so die Begründung: "Eine Übergabe ... an diese Stelle kann nicht gut umgangen werden, weil sie einen beträchtlichen Betrag zur Herstellung der Denkschrift zur Verfügung gestellt hat." Die Verantwortlichen der EKD schämten sich also nicht, von Leuten Geld zu nehmen, die noch in Auschwitz Geschäfte gemacht hatten. Dort waren etwa 25 000 Häftlinge im Dienste der I.G. Farben zugrunde gegangen oder getötet worden.

Die Denkschrift – als Verantwortliche zeichnen unter anderen Theophil Wurm und Martin Niemöller – wurde am 21. Februar 1950 dem Hohen Kommissar McCloy übergeben. Im Vorwort erklären die Herausgeber, die Dokumentation stehe "unter der Verantwortung, die der Herr der Kirche seinen Dienern auferlegt".

Der Vorwurf lautete: In den Nürnberger und Dachauer Prozessen seien Entlastungszeugen mißhandelt worden; auch habe die Anklage sogar "kriminelle Elemente" als "Berufszeugen" eingesetzt. Als Zeugen für das angebliche Unrecht an den Kriegsverbrechern wurden deren Verteidiger – vielfach ehemalige Nazis – oder die Verurteilten selber angeführt: Als glaubwürdig galten zum Beispiel SS-Obergruppenführer Jürgen Stroop, der den Aufstand im Warschauer Ghetto niedergemetzelt hatte, und SS-Oberführer Joachim Mrugowsky, der im KZ Sachsenhausen Häftlinge mit vergifteter Munition beschießen ließ und ihre Qualen anschließend minuziös protokollierte. In der Denkschrift werden sogar zwei Fälle von angeblich unschuldig Hingerichteten aufgeführt, obgleich ihre Schuld – wie sich aus den Akten nachweisen läßt – kirchenintern bekannt war!

Die Kirchenvertreter hatten keine Scheu, mit ehemaligen Nazis einträchtig zusammenzuarbeiten. Ein Beispiel ist die "Stille Hilfe", ein als gemeinnützig anerkannter Verein, der selbst aus dem Einsatzgruppenführer Otto Ohlendorf einen Unschuldsengel machen wollte. Im Vorstand arbeiteten 1951 Wurm, Neuhäusler und Caritasdirektor Augustinus Rösch unter anderem mit dem ehemaligen SS-Obersturmführer Gerhard Kittel, dem ehemaligen SS-Standartenführer und Gruppenleiter im Reichssicherheitshauptamt, Wilhelm Spengler, sowie dem bereits erwähnten Ex-Obersturmbannführer Heinrich Malz zusammen.

Später gesellten sich zu dem Nazi-Helfer-Verein der Kölner Weihbischof Wilhelm Cleven und der Kirchenpräsident der pfälzischen Kirche, Hans Stempel, der in aller Stille das Amt eines Beauftragten der EKD für die Seelsorge an deutschen Kriegsverurteilten in ausländischem Gewahrsam wahrnahm. Die "Stille Hilfe", bis heute als gemeinnütziger Verein anerkannt, hatte keine Hemmungen, zugunsten ihres Klienteis die deutsche Zeitgeschichte zurechtzubiegen.

Ein Beispiel ist der Fall der ehemaligen Oberschwester der hessischen Euthanasie-Anstalt Hadamar, Irmgard Huber. Nach der Darstellung der "Stillen Helfer" war sie nur deshalb von den Amerikanern zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden, weil sie völlig ahnungslos geholfen hatte, Kranke, "die zum größten Teil gar nicht laufen konnten, ins Bett zu bringen".

Freudige Sangeskunst

Rege Kontakte zu Kirchenvertretern unterhielt auch das "Hilfswerk der Helfenden Hände". Ingeborg Alix, Prinzessin Stephan zu Schaumburg-Lippe und Tochter der Großherzogin von Oldenburg, hatte 1949 Landesbischof Wurm von ihren Verbindungen zu "Altbekannten in Argentinien" berichtet und angefragt, ob nicht das Zentralbüro des Evangelischen Hilfswerks ihnen helfen könne. Ihre Begründung: "Wir arbeiten sowieso an den verschiedensten Orten mit den Pfarrern Hand in Hand." Der Grund des auf den ersten Blick unstandesgemäßen Umgangs: Ihr Schwager, Josias Erbprinz von Waldeck-Pyrmont, saß selber als Häftling im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg. Der ehemalige Höhere SS- und Polizeiführer in Weimar war im Buchenwald-Prozeß zu einer lebenslänglichen Strafe verurteilt worden. In Landsberg assistierte der Erbprinz, ehemals Adjutant von Himmler, als Kirchendiener des evangelischen Anstaltspfarrers Werner Hess. Dieser – später Intendant des Hessischen Rundfunks – war für kurze Zeit selber Häftling in Landsberg.

Das "Hilfswerk der Helfenden Hände" – zweiter Vorsitzender war der schleswig-holsteinische Propst Bender – arbeitete "in Anlehnung an solche caritativen Verbände, die unsere Ziele verwirklichen helfen". Ein Hilfsabkommen bestand zum Beispiel mit der niederländischen Caritas.

Die Nazi-Hilfswerke "Stille Hilfe" und "Helfende Hände" kooperierten wiederum mit der "Kameradenhilfe" von Hans-Ulrich Rudel in Argentinien. Der berühmte Kampfflieger und Träger des Goldenen Eichenlaubs, den sich Hitler sogar als seinen Nachfolger vorstellen konnte, war mit kirchlicher Hilfe via Rom nach Südamerika geflohen. Überhaupt haben Kirchenvertreter offenbar allen prominenten Nazi-Tätern zu helfen versucht. Hitlers Begleitarzt, Professor Karl Brandt, verantwortlich für den Massenmord an Kranken und Behinderten und die Menschenversuche in den KZs, wurde von Eugen Gerstenmaier, dem CDU-Politiker und Mitverschwörer des 20. Juli 1944, und von den von Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel unterstützt.

Selbst Führer der berüchtigten Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes, unter ihnen SS-Standartenführer Paul Blobel, der allein in Babi Yar die Ermordung von 33 771 Juden befehligt hatte, fanden ihre Fürsprecher. Blobel meinte in seinem Schlußwort in Nürnberg sagen zu müssen, daß seine Männer "mehr mit den Nerven runter waren als diejenigen, die erschossen werden mußten". Für Blobel, der in Landsberg wieder in die evangelische Kirche aufgenommen worden war, haben sich zum Beispiel der stellvertretende Ratsvorsitzende der EKD, der hannoversche Bischof Hanns Lilje, und Weihbischof Neuhäusler verwendet. Wie Gnadengesuche begründet wurden, will ich an zwei Beispielen zeigen:

  • Über den Kommandoführer Waldemar Klingelhöfer (Einsatzgruppe B), November 1948 wieder in die evangelische Kirche aufgenommen, ist ein Gutachten des evangelischen Anstaltspfarrers erhalten. Demnach hat Klingelhöfer seinen Kirchenaustritt als eine Fehlentscheidung bereut. Er beteilige sich regelmäßig an den Anstaltsgottesdiensten und Abendmahlsfeiern und stelle mit großer Freudigkeit "seine Sangeskunst – er ist von Beruf Opernsänger – in den Dienst der Kirche". Er habe auch schon zweimal in Gottesdiensten als Solosänger mitgewirkt. Der Anstaltspfarrer bescheinigt dem einstigen Führer eines Killerkommandos, der sich sein Leben sozusagen ersungen hat, daß er ein Feind "jeden Unrechts ist, ein Mensch, wie wir ihn heute draußen in unserem Volk, wo so viel Korruption herrscht, zur Gesundung und zum Aufbau nötig brauchen".
  • Ähnlich lautet das Gnadengesuch für Waldemar von Radetzki, SS-Hauptsturmführer, Stellvertreter des Kommandoführers beim Sonderkommando 4a. Der evangelische Pfarrer Karl Ermann über den Mann, der in einem der schlimmsten Killerkommandos eine Führungsfunktion hatte: "Im Dezember 1948 hat er auf Bitten des Anstaltspfarrers die Aufgabe übernommen, mit einem Kreis von Gefangenen ein Krippenspiel zu erarbeiten, das dann am Heiligen Abend in der Gefängniskirche gespielt wurde. Am Weihnachtsfest 1949 gestaltete er einen weihnachtlichen Abend in Lied, Dichtung und Musik." Radetzki, so der Pfarrer weiter, sei bei der Gestaltung des kulturellen Lebens im Gefängnis ein unermüdlicher und begabter Helfer: "In vielen Abenden, die unter dem Thema ‚Kammermusik und Dichtung‘ standen, verstand er es, den Mitgefangenen die Welt der klassischen deutschen Dichtung und Musik nahezubringen." Ermann: "Ich bin gewiß, daß er sich draußen bestens bewähren wird und daß er nicht unwesentlich zur Stärkung der aufbauwilligen Kräfte in unserem Volk beitragen kann."

Auch Wilhelm Stuckart, ehemals Staatssekretär im Reichsinnenministerium, Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassengesetze und einer der Teilnehmer an der Wannsee-Konferenz, fand einen Fürsprecher: Pfarrer Otto Fricke, vormals Leitungsmitglied der Bekennenden Kirche und nach 1945 Bevollmächtigter des Evangelischen Hilfswerks. Fricke wollte die Amerikaner allen Ernstes überzeugen, daß Stuckart "gegen die NSDAP und insbesondere gegen die Gestapo Widerstand geleistet" habe, an der "Revolte gegen das Hitlerregime beteiligt" gewesen sei und in zahlreichen Fällen politisch und rassisch Verfolgte unterstützt habe.

Selbst ein bekannt sadistischer KZ-Arzt wie Hans Kurt Eisele (Kogon: "Seine Taten übertrafen ... wohl jede andere von SS-Ärzten begangene Gemeinheit") erhielt kirchlichen Beistand. Sein Fürsprecher hieß Heinrich Auer, Bibliotheksdirektor beim Deutschen Caritasverband; Auer wurde unterstützt vom Freiburger Weihbischof Wilhelm Burger und vom Nuntius Aloisius Muench. Dem Trio gelang es, Eiseies Entlassung durchzusetzen, obwohl er sowohl im Dachau- wie im Buchenwald-Prozeß zum Tode verurteilt worden war.

Hans-Josef Wollasch, Archivleiter des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg, hat Eiseies Begnadigung 1983 in der Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins beschrieben und in einer Anmerkung festgehalten: "Vor neuerlicher Verhaftung durch die Franzosen konnte Hans Eisele 1958 nach Ägypten fliehen." Nur, Eisele floh nicht vor der alliierten Justiz, sondern vor einem deutschen Haftbefehl. Bei so viel Verständnis kann es nicht wundern, wenn Wollasch die über hundert Ordner und Mappen des Referats "Kriegsgefangenenhilfe" beim Deutschen Caritasverband der Forschung nicht zur Verfügung stellen kann. Man muß nicht nach Argentinien reisen, um die kirchliche Hilfe für Nazis zu studieren, eine Reise nach Freiburg lohnte sich auch.

Credo eines SS-Generals

Am rührigsten hat sich wohl der Münchener Weihbischof Neuhäusler um Nazi-Verbrecher gekümmert, zum Beispiel um den einstigen Einsatzgruppenführer Otto Ohlendorf und den prominentesten Konvertiten in Landsberg, Oswald Pohl, ehedem SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS. Pohl hatte das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt geleitet, eine Mammutbehörde, die auch über das Sklavenheer der KZ-Häftlinge herrschte. Er beutete erst die Arbeitskraft der Opfer und dann ihre Leichen aus: In Treblinka, Auschwitz und anderen Lagern ließ er After und Scheide der Opfer nach verstecktem Schmuck durchsuchen und den Leichen die Zähne herausreißen, um das Zahngold zu Feingold zu verarbeiten.

Die katholische Kirche hat den Protestanten Pohl am 12. Februar 1950 als Konvertiten aufgenommen. Ein reuiger Sünder, der Buße getan hat, darf darauf bauen. Doch Pohl bereute nichts, weil er angeblich nichts getan hatte. In Landsberg gedieh der Ex-Obergruppenführer fast zum Heiligen, wenn wir der Schilderung des katholischen Geistlichen Karl Morgenschweis glauben dürfen, der sich als Pohls "Seelenführer" bezeichnet.

1950 erschien im Landshuter Alois Girnt Verlag, Gesamtherstellung Herder-Druck München, ein von Morgenschweis herausgegebenes Buch: "Credo. Mein Weg zu Gott. Von General der Waffen-SS a. D. Oswald Pohl." Das Werk hat die kirchliche Druckerlaubnis. Morgenschweis nennt es eine "Bekehrungsgeschichte", ein "öffentliches Bekenntnis für die katholische Kirche". Pohl entfalte "Gebetseifer und Opfergeist von seltener Größe", sei "erfüllt von innigem Gebetsgeist, von Bekennermut und apostolischem Eifer". Pohl wiederum behauptet in seinem Buch, Unmenschlichkeiten, sofern er davon Kenntnis erhalten habe, sei er nachweisbar energisch entgegengetreten Als General der Waffen-SS "außer Dienst" lobt er die autoristive Führung der katholischen Kirche. Er spürt "die leibliche Gegenwart des Erlösers, ja", schreibt er, "mir war, als vernähme ich Seine Stimme und fühlte ich Seine Hand: Komm!"

Pohls letzte Worte im Bekehrungsbüchlein enden bei Gott: "In Ihn bin nun auch ich hineinbezogen als bewußtes, lebendiges Glied des in der alleinseligmachenden katholischen Kirche weiterlebenden Leibes Christi."

"Seelenführer" Karl Morgenschweis, 1959 zum Monsignore ernannt, trat viele Jahre später, am 25. November 1966, auf einer Veranstaltung des "Deutschen Kulturwerks" in München auf. Seine Rede wurde anschließend in der Zeitschrift Der Freiwillige, dem Organ der ehemaligen Waffen-SS, nachgedruckt. Morgenschweis brüstet sich in seinem Vortrag, er habe zugunsten der Häftlinge alles mögliche herein- und herausgeschmuggelt, "z.B. das ganze über Malmedy gesammelte Material". Im Malmedy-Prozeß 1946 waren 43 Mann der 1. SS-Panzerdivision "Leibstandarte-SS Adolf Hitler" zum Tode verurteilt worden; aber dank kirchlicher Fürbitte sind alle nach wenigen Jahren freigekommen. Sie hatten, so die Anklage, unter anderem an die 350 kriegsgefangene GIs erschossen.

Morgenschweis, der Briefträger der "Leibstandarte-SS Adolf Hitler": "Ich habe alles, was sie mir gegeben haben, gesammelt und im Oktober 1947 seiner Eminenz, dem Herrn Kardinal, gebracht." Michael Kardinal von Faulhaber habe ihn sehr lieb empfangen und ihm gesagt: "Ich kann wenig mit diesem Material anfangen, gehen Sie doch lieber zu Exzellenz Neuhäusler." Neuhäusler wiederum habe ihn begrüßt: "Das kommt gerade recht, daß Sie das bringen, es sind gerade Senatoren aus Amerika da, mit denen kann ich das besprechen und ihnen mitgeben." Morgenschweis, stolz, Komplize der Malmedy-Truppe gewesen zu sein: "Ich habe durch Gegenbeweise helfen dürfen..., daß überhaupt nicht ein einziger zur Last gelegter Fall vorgekommen ist."

Die deutschen Kirchen haben zwar nicht, soweit aus den Akten erkennbar, spektakuläre Fluchthilfe geleistet, aber viele Nazis vor dem Galgen gerettet oder ihnen mit Gnadengesuchen nach kurzer Zeit zur Freiheit verholfen. Und einige der Nazis haben sie auch eingestellt. Zu ihnen gehört beispielsweise Wilhelm von Ammon, ehemals Ministerialrat im Reichsjustizministerium, der sogenannte "Nacht-und-Nebel-Fälle" bearbeitet hatte, Verfahren gegen nichtdeutsche Zivilpersonen, die nicht einmal ein Recht auf einen Rechtsanwalt hatten. Ammon, dank kirchlicher Fürsprache 1951 aus Landsberg entlassen, wird Direktor der Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenstelle in Ansbach.

In der braunschweigischen Kirche kommt der ehemalige Sonderrichter Walter Lerche, der im Justizdienst offenbar nicht mehr tragbar war, als Oberlandeskirchenrat unter. Und Eugen Steimle, Führer der Sonderkommandos 7a und 4a, in Nürnberg zum Tode verurteilt, aufgrund kirchlicher Gesuche aber 1954 freigelassen, wird anschließend am evangelischen Gymnasium in Wilhelmsdorf als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde eingestellt. Als er starb und im Oktober 1987 beigesetzt wurde, sagte der Schulleiter am Grabe: "...dieses Leben war von der Barmherzigkeit Gottes geprägt."

Die sogenannten Kriegsverbrecher fühlten sich zu Unrecht verurteilt, hatten nur ihre Pflicht getan, bereute nichts. So auch Erich Koch, Mitglied der NSDAP seit 1922, Gauleiter von Ostpreußen und Reichskommissar der Ukraine. Koch galt selbst unter Gesinnungsgenossen als brutal und selbstherrlich. Sein Terror in der Ukraine provozierte sogar Widerstände in der SS. Koch ließ Dörfer samt Frauen und Kinder niederbrennen ("evakuieren") und ganze Landstriche leermorden. Nach dem Krieg tauchte er mit gefälschten Papieren unter, wurde 1949 jedoch von den Briten gefaßt und an Polen ausgeliefert. Für ihn wollte sich nicht einmal Oberkirchenrat Hannsjürg Ranke von der Kirchenkanzlei der EKD einsetzen; er hat nicht versucht, die Auslieferung zu verhindern – dies tat dann Martin Niemöller.

Im Juni 1986 bekam der in Polen inhaftierte Gauleiter zu seinem 90. Geburtstag kirchlichen Besuch: Theodor Schober, von 1963 bis 1984 Präsident des Diakonischen Werkes, seit 1984 Beauftragter der EKD für die Seelsorge an deutschen Kriegsverurteilten in ausländischem Gewahrsam.

Schober hat anschließend in der Kirchenpresse kundgetan, wer wisse denn schon, daß Erich Koch aus einem frommen Elternhause stamme, CVJM-Mitglied, 1933 Präses der ostpreußischen Provinzialsynode, Vizepräsident der evangelischen Kirche der Altpreußischen Union und erster Vorsitzender des ostpreußischen Hauptvereins der Gustav-Adolf-Stiftung gewesen sei und bei der Reformationsfeier im Königsberger Schloßhof seine Rede mit den Worten abgeschlossen habe: "Ostpreußen wird protestantisch sein, oder es wird nichts sein!" Der EKD-Beauftragte weiter: "Wer sich heute noch an Erich Koch erinnert, verbindet damit häufig Hinweise auf Greueltaten..., bleibt aber meist die nachprüfbaren Fakten schuldig, die sich im Einzelfall auf die konkrete Verantwortung Erich Kochs beziehen."

Der fromme Erich Koch

Die EKD hatte noch 1986 für nur drei Personen einen eigenen Beauftragten: Neben Koch ist Schober für Ferdinand aus der Fünten und Franz Fischer zuständig, die wegen der Deportation holländischer Juden im niederländischen Breda in Haft sind. Koch starb im November 1986 in polnischer Haft. In Theodor Schober war ihm Monate vor seinem Tode ein Mann erschienen, der bereit war, einen der brutalsten Nazi-Verbrecher als frommen Kirchenmann vorzustellen. Da nimmt es nicht wunder, daß es im Rundbrief der "Stillen Hilfe" heißt, mit dem Beauftragten der EKD stehe man in "guter Verbindung". Die letzten beiden Häftlinge in "ausländischem Gewahrsam" wurden 1989 entlassen und starben im selben Jahr.

Einen EKD-Beauftragten für die Opfer der NS-Täter hat es nie gegeben. Ich habe lange darüber gerätselt, was Kirchenmänner bewogen haben könnte, sich derart total für Nazi-Verbrecher einzusetzen. Eines Tages begriff ich, daß ich die Motive in Büchern, Artikeln und Filmen doch selber beschrieben hatte. Ich dachte an die Behinderten, die von Kirchenmännern schon vor 1933 als "Minderwertige" verschrien worden waren. An die Bettler, deren Verbringung nach Dachau sie unterstützt hatten. An Sozialdemokraten und Kommunisten, deren KZ-Internierung sie mit heimlicher Freude verfolgten. An den Überfall auf Rußland, den sie als Kreuzzug gegen das jüdischbolschewistische System begrüßt hatten. An die Juden, deren Verfolgung sie in den ersten Jahren des "Dritten Reiches" gerechtfertigt und zu deren Vernichtung die Kirchenleitungen geschwiegen hatten. Da begriff ich: Wenn Kirchenführer Nazi-Verbrechen verharmlosten. so verharmlosten sie ihren eigenen Anteil. Waren Nazi-Verbrecher keine Verbrecher, könnten die Kirchenführer auch

keine Komplizen im Geiste gewesen sein. Dann hatten, Massenmord hin oder her, alle nur "ihre Pflicht" getan.