Die Sanierung des Klär- und Leitungssystems dauert länger als geplant

Von Judith Reicherzer

Der Kaffee in Meißen, die Nudelsuppe in Rostock und das Bier in Berlin, ganz geheuer sind sie einem nicht mehr. Schließlich ist Wasser in diesen Lebensmitteln drin. Und ostdeutsches Wasser, so der Bonner SPD-Umweltpolitiker Klaus Lennartz, ist „lebensgefährlich“. Selbst die Bundesregierung traut dem Ostwasser nicht. Bundesumweltminister Klaus Töpfer griff kurz nach der Wiedervereinigung zur Soforthilfe, um „das Schlimmste zu verhüten“. Fast zehn Millionen Menschen in den neuen Bundesländern wurden noch vor einem Jahr mit Wasser versorgt, bei dem die Grenzwerte für Schadstoffe zeitweilig oder ständig überschritten waren.Im Klartext: Sechzig Prozent der Ostdeutschen tranken Wasser, das sie nach den Bestimmungen der Europäischen Gemeinschaft eigentlich nicht hätten trinken dürfen.

Anfang 1992 schmeckt H2O im Osten nicht viel besser. Zwar verordnete das Bundesgesundheitsamt als Sofortmaßnahme, daß über dreißig öffentliche Anlagen wegen Gesundheitsgefährdung dichtgemacht oder an mobile Wasseraufbereiter angeschlossen wurden. Doch damit sind nur die schmutzigsten Tropfen aus dem Rohrnetz verbannt, es gibt keine akute Gesundheitsgefahr mehr. Ostdeutsches Trinkwasser, vor allem das aus dem Süden der neuen Bundesländer, ist noch immer mit Vorsicht zu genießen.

Zum „Sofortprogramm Trinkwasser“ gehört eine Fachkommission, die inzwischen Daten von einem Großteil der Wasserwerke gesammelt hat. Vorläufige Erkenntnis: Im Osten sei „nahezu keine Wasserversorgungsanlage in einwandfreiem Zustand“. Vor allem die Nitratwerte sind erschreckend schlecht. Die Kommission schätzt, daß noch immer rund 200 000 Menschen Wasser mit extrem hoher Nitratbelastung trinken müssen. Insgesamt, so ein gemeinsamer Bericht der zuständigen Bundesministerien im Sommer 1991, zapften 1,2 Millionen Bürger Trinkwasser, in dem der Nitratgrenzwert zeitweise oder ständig überschritten wird.

Diese Zahlen beziehen sich nur auf die öffentlichen Wassernetze. Etwa 700 000 Menschen in den neuen Bundesländern versorgen sich aber aus privaten Brunnen – auf eigenes Risiko. „Diese Brunnen sind häufig sehr belastet, mehr noch als die öffentlichen“, weiß Professor Andreas Grohmann, Wasserexperte beim Bundesgesundheitsamt und Sekretariatsleiter der Fachkommission. „Doch private Brunnen zu untersuchen ist nach EG-Richtlinie Privatangelegenheit der Benutzer. Da haben wir überhaupt keinen Einblick.“

„Menschen zweiter Klasse“