Von Georg Blume

Tokio, im Februar

Wenn es überhaupt ein Zentrum politischer Macht in Japan gibt, dann müßte es jetzt im Herzen getroffen sein. Diesmal sind es nicht nur die Strohmänner, die vor der Staatsanwaltschaft flüchten. Nach ungezählten Jahren zügelloser Herrschaft im Dunkeln steht auch Nippons Schattenkönig Shin Kanemaru im Scheinwerferlicht der Skandale. Der 77jährige Fraktionsvorsitzende der regierenden Liberaldemokraten, dessen Einfluß in Japan regelmäßig mit dem Deng Xiaopings in China verglichen wird, zählt nämlich zu den engsten politischen Freunden des vergangene Woche in Tokio verhafteten Exvorsitzenden des Paketzustelldienstes Tokyo Sagawa Kyubin, Hiroyasu Watanabe.

Watanabe ist der Hauptverdächtige in Japans neuestem Bestechungsskandal, der alle bisherigen Vergleichsmaßstäbe sprengt. Aus dem lukrativen Paketgeschäft soll Watanabe innerhalb von zehn Jahren umgerechnet 6,7 Milliarden Mark in die Hände von Politikern und Gangstern abgezweigt haben. Die Yakuza-Mafia leistete Sagawa Kyubin Hilfsdienste, indem sie widerborstige Grundstückseigentümer vertrieb, die der Paketfirma bei der Einrichtung neuer Lastwagendepots im Wege standen. Die Politiker beschafften Sondergenehmigungen für die Straßenbenutzung und gewährten Sagawa Kyubin 1990 sogar eine Neuregelung des Paketgesetzes im Sinne der Firma.

Das Einzigartige der Machenschaften bei Sagawa Kyubin liegt im Ausmaß der Zahlungen, mit denen fast die gesamte politische Klasse bedient wurde. Firmengründer Kiyoshi Sagawa besteht darauf, sein Unternehmen kümmere sich "um das Gehalt für mehr als 280 Privatsekretärinnen von Parlamentsabgeordneten". Die kommen selbstverständlich aus Regierungs- und Oppositionsparteien. Wenn Sagawas Berechnungen stimmen, stünde damit immerhin mehr als jeder dritte japanische Parlamentarier aus Unter- und Oberhaus im Sold der Paketfahrer und mithin im Verdacht der Bestechlichkeit. "Niemand mit Namen", schwört der Chef des Rechercheteams einer großen japanischen Tageszeitung, "ist nicht dabeigewesen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft können diesmal ein politisches Erdbeben auslösen."

Doch beim Warten auf das große Beben ähnelt die Politik den geologischen Gegebenheiten. Da gibt es gelegentliche Stöße, die Aufsehen erregen. Doch zusammengebrochen ist lange nichts mehr.

Schon 1974, als Regierungschef Kakuei Tanaka aus dem Amt scheiden mußte, weil er Bestechungsgelder des amerikanischen Flugzeugherstellers Lockheed angenommen hatte, glaubte man an einen Wendepunkt in der japanischen Politik. Statt dessen regierte Tanaka weiter aus der Kulisse, mächtiger als je zuvor, bis ihn 1985 eine unheilbare Krankheit zwang, die Geschäfte abzugeben.