Von Jochen Boettcher

MARBURG. – Also, Leute gibt es – die gibt’s gar nicht. Bekommt doch einer im Osten sechsstellig dotierte berufliche Angebote, wird mit Kußhand in Ludwigshafen empfangen, und er bleibt tatsächlich in Igelshieb. Wenn Sie Igelshieb nicht kennen, kennen Sie auch Schmalenbuche nicht. Macht nichts. Liegt in Thüringen.

Die Rede ist von einem bodenständigen thüringischen Baudezernenten, immer die Ärmel hochgekrempelt, von Statur so groß wie breit mit lustigen roten Wangen von der frischen Luft. Er wollte dem Ort ein Antlitz verleihen, und, was selten genug ist: Er hat ein begnadetes Händchen für seinen Beruf. Im Städtchen tut sich was. Mit dem „Aufschwung Ost“ macht der Mann Ernst. Viele Straßen sind schon picobello, reges Baugeschehen an allen Ecken, daß das Zusehen schon eine Lust ist. Doch halt! Kein Grund zum Tirilieren. Hat er sich wie Fürchtenix damals aufgemacht, mußte er nun doch noch das Gruseln lernen.

Montag früh lugte ihm von der Tür des Dienstzimmers der Kuckuck still und stumm entgegen. Eine Tiefenprüfung war angesagt. Tiefenprüfung! Was für eine Vokabel! Selbst bei völlig unbedarften Gemütern kommt da Rückenmark ganz sanft in Schwingung. Nicht bei ihm. Wohl wissend, daß es gut ist zuzuhören, wenn Kluge sprechen, und zu schweigen, wenn Dumme reden, machte er auf dem Absatz kehrt und verordnete sich einen ausgiebigen Waldspaziergang.

Nun gehört der Dezernent ausgerechnet zu der Gruppe Menschen, die kompetentes Handeln mit buchhalterischer Sorgfalt verbinden. Fremde Leute stochern in Ordnern und Akten, ab und an entweicht ein frohlockendes „Aha“, dann ein mürrisches Umblättern. Die Lupen wurden immer größer, die Sucher immer fiebriger. Nichts! Sogar die Portokasse stimmte, und die Blumen waren gegossen.

Dabei war an den rauchschwadenumwaberten Stammtischen der Holzfällerkneipen im Thüringischen schon seit langem alles sonnenklar. So viel Erfolg und so viel Aufschwung – das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Mit jedem Kräuterschnaps wuchs die Bilanz der veruntreuten Gelder. Geheime Machenschaften wurden unterstellt, sonst würde es doch im Ort nicht so flutschen! Von Schmiergeld wurde geraunt, unter dem Siegel der Verschwiegenheit war von Millionen auf Schweizer Nummernkonten die Rede. Pures Gold! Das schreit nach Aufklärung! Das Ortsparlament – die traute Wiege der Demokratie – muß her und die Register ziehen. Am besten sofort verhaften. Die Nummernkonten lüften, die geheimen Verbindungen zu den Finanzmagnaten Sydney-Igelshieb-Toronto aufdecken.

Wenn laue Gemüter auf Eroberungsfeldzug gehen, dann rollen die Augen wie Golddukaten. Andere, die eine Schaufel kaum vom Spaten unterscheiden können, wittern die Chance, nach seinem Pöstchen zu schielen. Baudezernent! Hach – wie schön das klingt. Das Sakko wird vor dem Spiegel gestrafft.