Ich versuchte nicht, in Berlin in literarische Kreise einzudringen. Ich wollte schreiben und sollte vom Schreiben leben. Ich saß allein im „Romanischen Café“ oder im Lesesaal der Staatsbibliothek. Ich besuchte keine Redaktionen, kannte keinen Redakteur. Ich sandte Manuskripte per Post an Berliner Zeitungen. Ich hatte Glück. Meine Arbeiten wurden angenommen. Herbert Ihering brachte mich zum Berliner Börsen Courier. Der Börsen Courier war eine alte Berliner Zeitung. Er hatte den Ruf, in der Politik liberalkonservativ, im Handelsteil hochkapitalistisch, im Feuilleton kulturbolschewistisch zu sein. Ich war gern Journalist, dachte aber, Bücher zu schreiben.

In der Nacht vom 30. zum 31. Januar 1933 fuhr ich von München nach Berlin. Ich hatte in München der Premiere von Erika Manns „Pfeffermühle“ beigewohnt.

In München sprach man nicht von Hitler. In Berlin meldeten die Morgenzeitungen Hitlers Kanzlerschaft.

Ich erschrak, ich mochte Hitler nicht, ich fuhr zur Redaktion, traf im Umbruchsaal den Chefredakteur, einen bekannten, klugen Leitartikler, ich erwartete Bestürzung, aber nein, der Leitartikelschreiber war guter Laune und meinte, in drei Monaten ist der Hitler parlamentarisch erledigt. Ich teilte diese Meinung nicht.

Ich teilte nicht die allgemeine Aufbruchstimmung, schritt nicht fröhlich hinter der SA. Mich bedrückte die Zukunft.

Der Berliner Börsen Courier glaubte, mit vorsichtiger Anpassung weiterhin erscheinen zu können. Ich reiste für acht Tage nach Paris. Auf dem Boulevard und in Cafés traf ich jüdische Kollegen, die ersten Emigranten, die vor Hitler geflohen waren. Sie hatten ihr Leben und eine relative Freiheit gerettet, aber ihre Existenz verloren. Natürlich träumten sie, nach Deutschland zurückkehren zu können, glaubten nicht an die Dauer des braunen Spuks. Ich berichtete dies in der Zeitung. Der vom Regime eingesetzte kommissarische Chefredakteur rief mich, hatte meinen Artikel in der Hand und schimpfte: „Wollen Sie die Juden zurückführen?“

Es gab in der Redaktion drei Linke: Herbert Ihering, vielleicht Heinrich Strobel und mich. Ich besprach noch im Feuilleton Bücher von Juden und Verfemten. Ich dachte über die Position von Schriftstellern und Intellektuellen nach. Schlechte Aussichten. Der letzte Satz dieser Arbeit lautete: „Er (der Schriftsteller) soll Soldat werden.“ Das war purer Zynismus, Hohn, ein schlechter Witz. Damals verstanden die Leser es so. Heute scheint man den Ausruf mir unbegreiflicherweise ernst zu nehmen. Ich war nicht einen Tag Soldat.