Von Wolfgang Hoffmann

ZEIT: Vor ziemlich genau drei Jahren haben die iranischen Mullahs den Mordaufruf gegen den Dichter Salman Rushdie erlassen, der jetzt sogar erneuert wurde. Der Iran gilt neben Libyen und Irak als eines der drei Länder, von denen die größten Gefahren für den Weltfrieden ausgehen. Trotz dieses bedrohlichen Hintergrunds entwickelten sich die deutsch-iranischen Wirtschaftsbeziehungen im vergangenen Jahr wieder sehr gut. Unsere Exporte sind um über sechzig Prozent gestiegen, sicher nicht zuletzt dank Ihres Einsatzes. Muß man mit solchen Ländern Handel treiben?

Möllemann: Ich glaube, daß man bei Wirtschaftsbeziehungen zu Ländern, die in ihrer Wertorientierung nicht unseren demokratischen Leitlinien und Ordnungsstrukturen entsprechen, immer abwägen muß: Glaubt man, daß Wirtschaftsbeziehungen per saldo nicht nur den wirtschaftlichen Interessen dienen, oder eröffnet man sich damit auch die Chance des Einflusses auf einen demokratischen Wandel? Ich habe mich zu Zeiten der Breschnjew-Doktrin, selbst während des Krieges der Sowjetunion in Afghanistan, immer dafür ausgesprochen, wirtschaftliche Kontakte nicht nur um der wirtschaftlichen Ziele willen zu nutzen. Ich habe damit auch die Hoffnung verbunden, unseren sonstigen Leitvorstellungen Einfluß zu verschaffen.

ZEIT: Als Sie im Sommer vorigen Jahres in Teheran waren, haben Sie das Thema Menschenrechte angesprochen. Haben Sie auch gezielt den Mordaufruf gegen Rushdie angesprochen und deutlich gemacht, was Sie davon halten?

Möllemann: Ich habe im Iran wie auch kürzlich in China die Menschenrechte in den Gesprächen mit meinen politischen Partnern unmißverständlich angesprochen. Ich kann in Bonn nicht so und in den Gastländern umgekehrt reden. Ich habe auch mehrfach öffentlich erklärt, daß ich den Mordaufruf gegen Salman Rushdie für absolut inakzeptabel halte. Ich habe auch den Widerruf öffentlich gefordert, denn derartige lebensbedrohende Verfolgungen sind menschenverachtend; sie entsprechen nicht meinem liberalen Grundverständnis.

ZEIT: Hat es darauf Reaktionen gegeben?

Möllemann: Weder im Fall China noch im Fall Iran, wie auch nicht seinerzeit im Fall Sowjetunion, war damit zu rechnen, daß aufgrund solcher Einzelinterventionen sofort oder gar öffentlich erklärt eine positive Reaktion erfolgt. Man kann immer nur darauf hoffen‚ daß sich Schritt für Schritt ein Wandel der Politik ergibt. Und mein Eindruck beim Iran ist: Der derzeitige Präsident Rafsandschani scheint für die Forderung nach schrittweiser Änderung durchaus aufgeschlossener als manch ein Sprecher der Mullah-Bewegung.