Von Friedemann Schulze

ERFURT. – In einer Zeit des Steinewerfens ist es gut, sich an das berühmte Jesus-Zitat zu erinnern: „Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“

Nun wird allenthalben im Zusammenhang mit einer angeblichen Jagd auf Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit“ vor dem Werfen von ersten Steinen gewarnt. Vorsorglich werden dabei freilich gleich ein paar Steine auf vielleicht umherstehende „Denunzianten“ verteilt. Bei alledem werden jedoch wichtige Aspekte des Stasi-Problems völlig übersehen.

Michael Beleites schreibt in seinem Report „Untergrund – ein Konflikt mit der Stasi in der Uranprovinz“, daß er nach Einsicht in seine Stasi-Akte der Mehrzahl seiner Spitzel – offenbar aus einer großen inneren Souveränität heraus – die Möglichkeit gegeben hat, sich ihm zu erklären. Keiner der Betroffenen hat davon Gebrauch gemacht, obwohl jeder wissen mußte, daß die Konfrontation mit der Vergangenheit unvermeidbar war. Warum hatte niemand den Mut zum Gespräch?

Wenn es stimmt – was nicht bezweifelt werden kann –, daß die „Stasi“ über die Situation im Lande und die Stimmung der von ihr observierten Menschen ein sehr differenziertes Bild hatte, daß es sich also um keinen stupiden Apparat handelte, dann sollte niemand so naiv sein, zu glauben, dieser Staat im Staate sei jetzt völlig hilflos dem Volkszorn ausgeliefert.

Wenn es stimmt – was nicht bezweifelt werden kann –, daß manche Besitzer relevanter Stasi-Insiderinformationen sich nun anschicken, diese Informationen in Macht über Menschen umzumünzen, so muß verhindert werden, daß die damals Betroffenen sich schon bald wieder in den Fesseln dieser Macht wiederfinden. Das freiwillige oder durch Akteneinsicht gebahnte Enttarnen von Stasi-Beziehungen ist deshalb die wichtigste Methode, solche Virtuosen der Macht wenigstens vorerst von der Basis schwacher Individuen zu trennen, auf die sie sonst nahezu ungeschützt Zugriff hätten.

Dazu folgendes Beispiel: Als Leiter eines kleineren, selbständigen Arbeitsbereiches wurde ich unlängst mit dem Wunsch der vorgesetzten Behörde konfrontiert, meine Mitarbeiter um eine schriftliche Erklärung über ihre früheren Beziehungen zum Staatssicherheitsdienst zu bitten. Weil wir die Tätigkeitsprinzipien des Ministeriums für Staatssicherheit kannten, mußten wir davon ausgehen, daß es unter uns „Inoffizielle Mitarbeiter“ gegeben hat – nach den Regeln der Konspiration mindestens zwei, damit die subjektiven Informationen skaliert und kontrolliert werden konnten.