Der Prozeß gegen Erich Mielke wird sich verzögern, wenn er denn überhaupt zustande kommt. Am Dienstag dieser Woche, einen Tag bevor das Gericht über die verschiedenen Einstellungsanträge der Verteidiger entscheiden wollte, hat Jürgen Wetzenstein-Ollenschläger das Handtuch geworfen. Er war Mielkes Wahlverteidiger.

Erich Mielke steht in Berlin nicht etwa wegen seiner DDR-Vergangenheit vor Gericht. Der 84jährige hatte als Chef des Ministeriums für Staatssicherheit sein Land mit Terror überzogen. Doch die Ermittlungen zu Mielkes Stasi-Kriminalität sind noch nicht weit genug vorangekommen; statt dessen wird er des Mordes an zwei Polizisten angeklagt, geschehen im Jahr 1931.

Gleichwohl stammt das Motiv für den Rückzug seines Wahlverteidigers aus DDR-Zeiten. Jürgen Wetzenstein-Ollenschläger war nämlich bis 1989 Gerichts-Direktor im Ostberliner Stadtbezirk Lichtenberg. Und dieses Gericht bezog seine Fälle zu einem Teil von der Stasi. Wetzenstein-Ollenschläger hatte den Ruf, besonders „zackig“ zu sein, eine „Leitfigur“ des politischen Strafrechts. Mielke war also, damals wie heute, sein Auftraggeber. Gegen Wetzenstein-Ollenschläger, der noch schnell vor der Vereinigung Deutschlands zum Rechtsanwalt mutiert war, ermittelt nun die Berliner Staatsanwaltschaft wegen Rechtsbeugung in mehreren Fällen. Darunter dürfte das Urteil gegen die Bürgerrechtlerin Vera Wollenberger sein und auch das gegen eine junge Frau, die ihn am ersten Verhandlungstag im Mielke-Prozeß tätlich angegriffen hatte. Der gewendete Rechtsanwalt hatte an seiner alten Arbeitsstätte die damals Sechzehnjährige im Jahre 1977 wegen „Rowdytums“ für sechzehn Monate ins Gefängnis gesteckt, nachdem sie in eine Demonstration geraten war.

Gegen Angriffe hatte sich Wetzenstein-Ollenschläger bisher kühl mit der Floskel gewehrt, daß jeder, der dabei war, seine Pflicht zu tun hatte. Auch ein Einbruch in sein Haus brachte ihn zunächst nicht aus der Ruhe. Vor Gericht wagte er sich sogar, ganz im Stile eines schneidigen Profis, mit einer Klage gegen die „Pervertierung des Rechts“ hervor – der Mann wußte, wovon er sprach.

So kam der Rückzug überraschend, selbst für seinen Kollegen Hubert Dreyling, Mielkes Pflichtverteidiger, der die Sache von einem Journalisten erfuhr. „Nicht die feine Art“ sei das, sagt Dreyling. Da er „die Akten nur zu einem kleinen Teil“ kenne, brauche er nun „Zeit, Zeit, Zeit“. rf