Von Hans Schuh

Was in der Presse immer wieder behauptet, von den Fachleuten jedoch mit großer Skepsis betrachtet wurde, scheint sich nun doch zu erhärten: Die Rate der Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs bei Kindern infolge der Reaktorhavarie von Tschernobyl steigt besorgniserregend schnell an. Dies gilt vor allem für die Region um die weißrussische Stadt Gomel, die rund hundert Kilometer nördlich vom ukrainischen Unglücksmeiler liegt. Möglicherweise haben extreme, bisher noch unbekannte Belastungen mit sehr kurzlebigem, radioaktivem Jod sofort nach dem GAU zu dieser Epidemie geführt. Aus noch unverstandenen Gründen scheinen die Auswirkungen in der Ukraine, wo die Bodenverseuchung ähnlich stark ist, weniger dramatisch zu sein. Obwohl die jüngsten Daten aus Weißrußland noch einer sorgfältigen Überprüfung bedürfen, was ihre absolute Höhe angeht, wird der massive Anstieg in Fachkreisen sehr ernst genommen. Deshalb schlugen am vergangenen Wochenende Ärzte aus Minsk/Weißrußland und Wissenschaftler des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg bei München Alarm.

„Auch wenn wir die zahlreichen möglichen Fehlerquellen berücksichtigen, die solchen Statistiken zugrunde liegen können, so ist das Ergebnis doch in hohem Maße besorgniserregend“, meinte Professor Albrecht Kellerer, ein international angesehener Strahlenbiologe der GSF. Kellerer und sein Kollege Werner Burkart, Leiter des Institutes für Strahlenhygiene der GSF – die GSF ist eine Großforschungsanlage der Bundesrepublik mit Schwerpunkt Strahlenforschung –, hatten kürzlich zu einer Tagung Fachleute der EG und der Weltgesundheitsorganisation WHO geladen und sie Daten, Videofilme sowie Gewebsproben begutachten lassen, die Larissa Astachowa und eine Mitarbeiterin aus Minsk mitgebracht hatten. Frau Astachowa ist Vizedirektorin des Minsker Institutes für Strahlenmedizin, der einzigen Behandlungsstätte für an Schilddrüsenkrebs erkrankte Kinder in Weißrußland.

Nach ihren Angaben sind die Raten für diesen bei Kindern sehr seltenen Tumor in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Beobachtete man bis 1988 in Weißrußland jährlich etwa zwei bis vier Fälle dieser Wucherung in der Altersgruppe null bis vierzehn Jahre, so schnellte deren Zahl 1989 auf 30 und bis Mitte 1991 auf 54 hoch. „Bisher unbestätigte Statistiken sprechen sogar von 130 erkrankten Kindern bis Ende 1991“, heißt es in einer Pressemitteilung der GSF.

Wer die oft widersprüchlichen Daten kennt, die Mediziner der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten GUS zum Thema Krebs und Tschernobyl präsentieren, der wird absolute Zahlenangaben mit großer Vorsicht bewerten (hier beispielsweise das rasante Emporschnellen von 54 auf 130 Fälle im zweiten Halbjahr 1991). Doch es wäre verfehlt, durch Anlegen westlicher Genauigkeitsmaßstäbe die Grundtendenz zu übersehen, warnt Kellerer: „Auch bei Berücksichtigung möglicher Fehlerquellen, insbesondere der Einstufung histologischer Befunde, ist das Ergebnis alarmierend“, versichert er. Sowohl die WHO als auch die EG wollen deshalb eine internationale Kooperation starten. Bereits Mitte März soll in Minsk eine Expertengruppe, der führende Histopathologen angehören, die Arbeit aufnehmen. Denn ob es sich bei einer Schilddrüsenschwellung um einen gutartigen Kropf oder um aggressiven Krebs handelt, dies können nur sorgfältige Analysen des Gewebes (histopathologische Untersuchungen) klären. Die wenigen nach Deutschland mitgebrachten Gewebsproben aus Weißrußland waren in keinem guten Zustand und erlaubten nur eingeschränkte Aussagen. Soviel allerdings schien klar: Es handelte sich eindeutig um Tumorgewebe.

Leider ist es für die Behandlung von Schilddrüsenkrebs nicht nur eine akademische Frage, um welchen Tumortyp es sich handelt. So gibt es „okkulte“ Schilddrüsentumoren, die für die zukünftige Entwicklung der Kinder keine Bedeutung haben. Aus der Untersuchung von kindlichen Unfallopfern im Westen weiß man, daß solch okkulte Tumoren bei etwa jedem zehnten Kind vorliegen können. Der Verdacht liegt nahe, daß ein nicht unerheblicher Teil des beobachteten Krebsanstieges auf die Tatsache zurückgeht, daß viel häufiger als früher und zudem mit geschärftem Blick nach Geschwulsten gefahndet wird. Solch selektive Wahrnehmung im Zuge kollektiver Besorgnis ist keine Seltenheit und hat unter anderem bei der Ausbreitung von Aids zu krassen Fehlurteilen geführt. Zu befürchten ist, daß emsiger Diagnostik gelegentlich auch aggressive Therapie folgt, also Schilddrüsen entfernt werden, wo sanftere Methoden helfen könnten.

Schlimmer noch sind jene Fälle, in denen Kinder als unheilbar aufgegeben werden, obwohl sie nach westlichen Maßstäben gute Überlebenschancen hätten. So behandelt der Essener Nuklearmediziner Professor Christoph Reiners zur Zeit einen Jungen aus Weißrußland, der in seiner Heimat als hoffnungsloser Fall galt, aber nach hiesigen therapeutischen Kriterien eine Überlebenschance von neunzig Prozent besitzt. „Die berechtigte wissenschaftliche Frage, wie schnell und aufgrund welcher Strahlendosen Schilddrüsenkrebs bei Kindern in Weißrußland auftritt, halte ich für zweitrangig im Vergleich zum akuten medizinischen Handlungsbedarf“, betont Reiners völlig zu Recht. Auch er hegt, aus Erfahrungen vor Ort und als Gutachter bei dem Münchner Treffen, Skepsis gegenüber den weißrussischen Daten im Detail, aber nicht in der Grundtendenz.