Manchmal setzt die Vernunft aus. Und wenn sie wieder intakt ist, kann es sein, daß sie die Pause gebraucht hat – um sozusagen wieder zur Besinnung zu kommen. Anders als bei Herzschlag und Atem ist das sogar dem Wohlergehen dienlich, es fördert gewissermaßen die Sauerstoffproduktion. So war es jedenfalls bei der britischen Autofirma, die nun den Mini wieder baut, den „Mayfair“ und den „Mini Cooper“ und jetzt auch noch eine Version, die die schrecklich originelle Bezeichnung „Special“ führt, aber selbstverständlich das Gegenteil meint: spartanische Ausführung. Und noch erschwinglicher.

Das berühmte Automobil war – konstruiert von dem britischen Rennwagen Fachmann John Cooper nach einer Idee seines Landsmannes Alec Issigonis – 1959 präsentiert worden. 1971 hatte eine der drei, vier Firmen, die sich damit abgegeben haben, die Lust daran verloren. Doch neunzehn Jahre später, 1990, war es plötzlich wieder da. Und jetzt ist es dreiunddreißig Jahre alt, fast nicht zu glauben: gleiches Auto, gleiche Konstruktion, gleiche Form, ein Hohn auf Karosseriemoden, Neuheiten gier und Windkanal, der schlagende Beweis dafür, daß es nicht stetig neuer Kleider bedarf, um jahre-, ach, jahrzehntelang begehrt zu sein, sondern nur: einer überzeugenden Idee.

Diese Idee war ein sehr kleines, praktisches, handliches Auto von gänzlich neuer Art. Ihm sollte alles fehlen, was überflüssig, es sollte alles haben, was notwendig ist, und billig sein, aber nicht billig aussehen, sondern pfiffig.

Dem Ingenieur Issigonis hatte eigentlich ein Auto für Arbeiter vorgeschwebt, eine Art von Super-Kompakt-Volkswa- wagen. Doch die wollten nicht auch noch mit dem Auto zeigen, daß sie welche sind. Es rissen sich statt dessen ganz andere Leute um den Mini, besonders im Ausland und vor allem dort, wo es schon VW und Eure gab, in Deutschland und Frankreich, auch in Japan und in Portugal, junge Leute zwischen 18 und 45.

Auf einmal zeigte sich, daß es ihnen weder auf immer schneidigeren Schick noch auf immer höhere Geschwindigkeit ankam, sondern auf etwas ganz anderes: auf Praktikabilität und Einfachheit, auf Flinkheit, Wendigkeit und: auf Charakter, kurzum, auf einen vernünftigen Gebrauchsgegenstand.

Vernunft hatte tatsächlich den erfindenden Verstand geleitet. Und so wurde der Mini wirklich mini. Er ist nur 3,05 Meter lang, aber 1,44 Meter breit und 1,34 hoch. Kein anderes Auto der Welt hat auf so kleiner Grundfläche einen so großen Innenraum, daß darin vier ausgewachsene Mensehen Platz haben, ohne sich krümmen zu müssen – und wer nach hinten muß, wird es lernen, sich (besser über den Beifahrer- als den Fahrersitz) hineinzudrücken und wieder herauszuwinden. Diese enorme Kompaktheit gelang dem Konstrukteur John Cooper vor allem mit einem damals als sensationell empfundenen Kniff: Er stellte den Motor vorne quer und übertrug seine Kraft auf die Vorderräder. Den Lohn dieser Genügsamkeit erntet der Mini-Fahrer in der überfüllten Stadt von heute (und erst recht von morgen): Wo andere aufgeben, findet er noch immer Platz zum Parken, längs oder quer. Und weiter: Das Auto hat so winzige Räder, daß es tief auf der Straße liegt und sich sicher durch die Kurven ziehen läßt.

Seine Form, eher einprägsam als verführerisch schön, ist in keinem Windkanal geglättet und so gedrungen wie je. Der Flitzer ist (mit 143 oder 148 Sachen) nicht rasend schnell, aber wendig, und er reagiert direkt. Seinen Luxus entfaltet der Mini (im teureren Typ Cooper) in seinem Interieur Armaturenbrett, Armlehnen und Türleisten sind aus Walnußwurzelholz, hochglänzend poliert; das kleine schräge Lenkrad ist mit schwarzem Leder bezogen, der Boden mit Teppichen ausgeschlagen. Wenn der Mini nur nicht diese blöden weißen Streifen auf der Motorhaube hätte!

Ein Händler, nach dem Verkaufserfolg befragt, strahlte übers ganze Gesicht. Seine treueste Kundin, sagt er, habe eben ihren achten Mini bei ihm gekauft. Na bitte!