Was bleibt normalerweise nach dem Tod: Leid und Trauer, Sarg oder Urne und ein Pfarrer, der vom Evangelium her jedem Menschen die Unantastbarkeit seiner Würde zugesteht, selbst wenn er als Staatsfeind in einem DDR-Gefängnis zugrunde ging. In Ost-Berlin, zwölf Jahre wird es her sein, zog der Pfarrer nur Bibelworte zu Rate, verlor aber kein klärendes Wort über den geradlinigen Lebenslauf des Mannes in dem dünnwandigen Sarg. Unter den Augen in schwarzen Lederjacken steckender Zuhörer ging es dann zu dem Erdloch.

In Hamburg, fünfzig Jahre ist es her, wurde den Angehörigen eines KZlers dessen Leiche über einen Bestattungsunternehmer sarggerecht zwecks Verbrennung ins Krematorium geschickt. Sie hatten ja befürchtet, daß er aus politischen Gründen irgendwo in Gewahrsam gehalten wurde, nun wußten sie wenigstens, daß er in dem Sarg war, aber noch nicht, woher er kam. Der Pastor begnügte sich mit Bibelzitaten. Manche zog er unnötig in die Länge. Nur die üblichen Lebensdaten des Toten kamen nicht zu kurz.

Als er die Seele des Verstorbenen Gott empfahl, ging der Sarg in die Tiefe, blieb aber nach wenigen Zentimetern stehen. In dem Sarg polterte es. Der Pastor sprach das Vaterunser. Männer in schwarzen und grauen Ledermänteln mit heruntergeklappten Huträndern musterten die entsetzten Angehörigen beim Verlassen des Krematoriums. Zwei Jahre nach Ende des Krieges klingelte der Pastor bei den Angehörigen. Sie ließen ihn vor der Tür stehen, und er sagte, daß nun Zeit für die Wahrheit sei.

Den Sarg hätte man statt mit der Leiche mit Pflastersteinen gefüllt, eine Formsache gewissermaßen, denn der Bruder und Onkel wäre im KZ Neuengamme auf der Flucht erschossen worden. Die Angehörigen wußten aber längst, daß Flucht unmöglich gewesen ist; man hatte ihm wie in zahlreichen anderen Fällen am Rand des Lagers die Mütze vom Kopf gerissen, der Ordnung halber lief er hinterher und wurde dabei erschossen. Das hieß dann ‚auf der Flucht erschossen‘. Mut zur Wahrheit bei seiner Predigt hieße in diesem Fall für ihn auch Mut zum KZ. Er schäme sich seiner Angst und bitte um Vergebung.

Hätte er nicht gleich nach Kriegsende kommen sollen? Einer der Angehörigen war inzwischen jedoch so einflußreich geworden, daß er sich beeilen mußte. Beschwichtigung, Gnade, Vergebung? Die Angehörigen nahmen ihre Christenpflicht dennoch wahr. Vergessen brauchten sie aber nichts. Der Pastor, fleißig und amtssicher, starb in Würde. Zwanzig Jahre Liegezeit sind ihm auf dem Friedhof sicher. Und der KZler als Holzstaub in der Urne... Diese Urne bleibt auf Friedhofsdauer stehen. Friedhof? In diesem Fall ist es Gottes Acker.