Von Mária Huber

Bis vor einem Jahr durften Ausländer keinen Fuß auf den Boden der Rüstungsschmiede in Swerdlowsk setzen. Selbst für die anderthalb Millionen Einwohner der Metropole am Ural blieb der Bereich ihrer eigentlichen Lebensgrundlage eine Tabuzone. Seinen alten Namen Jekaterinburg hat das Zentrum der Region zwar 1991 zurückerhalten und ist zur offenen Stadt geworden. Doch der eiserne Vorhang, der die Rüstungsindustrie abtrennt, hat sich nur einen Spalt breit geöffnet.

An der Grenze zwischen Europa und Asien überwachen die Sicherheitsorgane noch lückenlos. Sie versuchen, Kontakte zu kanalisieren, Eindrücke westlicher Besucher für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Die eher sensationellen als fundierten Berichte der ersten ausländischen Journalisten über das materielle und menschliche Elend im Ural sind den Kontrolleuren und Ingenieuren der örtlichen Macht allerdings willkommen. Sie mobilisieren westliche Hilfsbereitschaft und damit Spenden. Doch was in der Rüstungsindustrie wirklich vor sich geht, wird auch vor den westlichen Fachleuten weiter abgeschirmt.

Für die Besichtigung ist die riesige Werkhalle, in der Panzergehäuse geschweißt werden, buchstäblich leergefegt worden. Um halb zwölf stehen nur zwei Taubstumme an einer Werkbank, die übrigen Arbeiter „haben gerade Mittagspause“. Der Chefingenieur von Ural-Transportmaschinen, Jurij Butrin, hat sich etwas besonderes ausgedacht. Er läßt an diesem Wintervormittag Fahrzeuge des Unternehmens auffahren und präsentiert sie nach dem Prinzip „Vorher-Nachher“: Waffen auf der einen Seite, Waren für den Zivilbedarf auf der anderen. Für die Belegschaft, die so zum ersten Mal die Endprodukte ihrer Arbeit sieht, ist die Überraschung größer als für die Besucher.

Die Umwandlung der Produktionspalette bietet keine Attraktionen, das „Vorher“ bleibt eindrucksvoller als das „Nachher“: Die Panzer sind Maßarbeit, die neuen Löschfahrzeuge und Bagger wirken plump und klobig. Was wird sich da besser verkaufen lassen? Womit werden 10 000 Menschen künftig ihr Geld verdienen?

Jurij Butrin ist auch weiterhin stolz, daß „modernste Artilleriewaffen“ sein Werk verlassen. Er läßt die moderne Panzerhaubitze zwar bestaunen – aber nicht photographieren. Vom russischen Präsidenten spricht der Chefingenieur weiter als „Genosse Jelzin“.

Der Nimbus schwand