Von Barbara v. Jhering

Eine Tea-Party? Oder ein Bridgeclub? Oder ein Klassentreffen, dreißig Jahre danach, von Schülerinnen eines Elite-Internats? Wie auch immer: Die Eleganz der versammelten Roben ist beeindruckend – schöne Stoffe hier gebauscht, dort drapiert, gezogen, gehalten, ohne daß genau zu sagen wäre, wie. Keine aufdringlichen Goldklunker, dafür oben immer ein i-Punkt, ob Wagenrad, Toque oder Federbusch.

Damen im Nachmittagskleid. Das gibt es noch, zumindest im 16. Arrondissement, zumindest im Palais Galliera, dem Mode- und Kostümmuseum, das gerade einen der beständigsten unter den Pariser Couturiers feiert: Hubert de Givenchy, 1952 der vielversprechende „junge Mann“ unter den Altmeistern Dior, Balenciaga, Jacques Fath, heute selbst Vertreter der Tradition. Seine Herkunft (französischer Provinzadel), sein Lebensstil (Schloß in der Tourraine, Stadtpalais in Saint-Germain) und Kunstsinn (Louis XIV. und benachbarte Stile) haben ihm die Qualifikation „Gentleman unter den Modeschöpfern“ eingetragen.

Ein Modespektakel jagt das andere in diesem Pariser Winter: dreißig Jahre Yves Saint Laurent, vierzig Jahre Givenchy. Die Haute Couture feiert sich, als gäbe es keine Absatzsorgen, keine Kulissenkämpfe zwischen Alteingesessenen und italienischen Eindringlingen, als häuften sich nicht die Stimmen derer, die den Untergang der maßgeschneiderten Luxusmode prophezeien (diesmal kamen die Unkenrufe sogar aus dem – profitablen – Hause YSL). Vor dem Hintergrund der Krise wirkt die Retrospektive im Palais Galiéra zwiefach nostalgisch: Von den aufwendigen heavy metal-Stickereien der achtziger Jahre – alles, was glänzt, hat Platz auf einem Stück Satin oder Crêpe für den Abend – geht der Blick zurück zu den fließenden Stoffen der siebziger deren Drucke von Malern inspiriert waren (Miró, de Staël, Braque); weiter zu den architektonisch gebauten Mäntelchen und Kostümen der sechziger Dekade, schließlich zu den Sack-, Tunika- und Bonbonnierenkleidern der Fifties.

Modelle aller Jahrgänge stecken die Köpfe zusammen, die bunte Mischung soll die Zeitlosigkeit der Givenchy-Kreationen unterstreichen (neben der Einfachheit der Schnitte ist dies ihr gerühmtester Effekt). Aber das Konzept ist auch tückisch, zeigt es doch ebenso die Rückwärtsgewandtheit mancher Kleider „von heute“. Oder ist es einfach dieses: daß der Lebensstil der Haute-Couture-Klientel der gleiche ist wie vor dreißig Jahrer., geprägt von viel freier Zeit und der Notwendigkeit, diese in angemessenem Outfit zu vertreiben? Zwar geht die Klage, daß die Zahl der Privatkundinnen von Pariser Maßschneidern weltweit von 300 000 auf 2000 geschrumpft sei (das Haus Givenchy rühmt sich derer noch 120), aber sie bestimmen nach wie vor das Bild der Haute-Couture-Kollektionen: Da gibt es das „kleine Kleid“ für den Galeriebesuch genauso wie den Nerzbesatz um die Hüften einer ganz großen Abendrobe aus rotem Satin. Tierschützerin Brigitte Bardot gehört offensichtlich nicht zu den Kundinnen.

Dafür eine Schauspielerin, die seit Jahrzehnten alle anderen aufwiegt: Audrey Hepburn, Goodwill-Botschafterin nicht nur für die Unesco, sondern auch – aus Neigung und Freundschaft – für Hubert de Givenchy. Seit 1953, als sie nach passenden Kleidern für „Sabrina“, ihren ersten in Frankreich spielenden Film suchte, hat er sie eingekleidet, auf der Leinwand wie privat. Das schmale ärmellose Kleid aus schwarzem Seidencloque, das sie zu riesigem Filzhut und langer Zigarettenspitze im Film „Breakfast at Tiffany’s“ trug, war Inbegriff einer neuen Modeepoche, die Givenchy mitprägte: Nach dem starren New Look Diors mit breit geschneiderten Schultern und festgezurrter Taille gab die neue Silhouette Bewegungsfreiheit für einen Lebensstil mit der Nase im Wind aus Westen: Nylon, Television, Camel-Zigaretten, Jazz. Für Givenchy war Audrey Hepburn die Inkarnation dieser neuen Generation; sie wurde sein liebstes Modell.

Für die Retrospektive haben ihm nun auch andere Kundinnen ihre makellos gepflegten Prunkstücke zurückgeschenkt oder geliehen. Jacqueline Kennedys Satinrobe, die sie 1961 beim Staatsbesuch trug, ist gleich zweimal dokumentiert: sozusagen leibhaftig auf der Puppe und im Photo – neben de Gaulle dem Volk zuwinkend.