Von Julia Tugendhat

Ein Schock für die Londoner Herrenclubs: der „Reform Club“, einer der renommiertesten im „Clubland“ um Pall Mall und St. James’s Street, wird nun von einer Frau geleitet. Sie heißt Barbara Beck, ist gebürtige Berlinerin und nennt ihre Wahl „eher zufällig“.

In der Reihe der kürzlich von Frauen besetzten Führungspositionen – Spionageabwehr, Amt für Wirtschaftskriminalität, Kartellbehörde – ist ihre Ernennung ein weiterer Meilenstein für die Britinnen. Auch wenn in den übrigen berühmten Clubs das Klima vorwiegend maskulin bleibt und Damen zumeist nur als Gast und nur in speziell ausgewiesenen Räumen Zutritt haben.

Ob „White’s“, „Bootle’s“, „Brooke’s“, „Athenaeum“, „Travellers’“, „Carlton“, „Garrick“, „Bucks“ und „Cavalry Club“ – sie alle begannen einmal als Treffpunkt gleichgesinnter Männer, die sich ungestört ihren Interessen widmen wollten, als da sind Unterhaltung, Spiel und Politik.

Auch heute noch finden sich im „Garrick Club“, so benannt nach dem Schauspieler und Dramatiker, Größen aus Literaturszene und Medienwelt zusammen. Der „Travellers’ Club“ ist der Ort der Diplomaten. Ein eigens angefertigtes Messing-Treppengeländer erinnert an Talleyrand, der in hohem Alter als Botschafter nach London kam. „White’s“ ist der aristokratischste Club. Hier vertrieb einst der Urgroßvater des heutigen Duke of Devonshire jeden, der ihm mißfiel, mit seinem spitzen Stock. Der Schriftsteller Evelyn Waugh tat sich durch übermäßiges Trinken und unflätiges Benehmen hervor. Und vom „Athenaeum“ ist zu hören, daß ein älteres Mitglied tagelang tot im Sessel saß, bevor man entdeckte, daß es nicht etwa über der Times eingenickt, sondern längst tot war.

Der „Carlton Club“ wurde im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts von den Konservativen und der „Reform Club“ von den Liberalen gegründet, um die Parteipolitik nach der Wahlrechtsreform zu organisieren. Der „Carlton“ ist auch heute noch sehr konservativ. Das Gebäude des „Reform Clubs“ wurde nach Plänen des römischen Palazzo Farnese entworfen. Vor vielen Jahren wurde ich von einem Onkel in den Reform Club eingeladen. Ich fühlte mich dort wie in einem gespenstischen Mausoleum, und das Essen war ungenießbar.

Barbara Beck war eine der ersten Neuen, als der „Reform Club“ vor zehn Jahren seine Pforten für weibliche Mitglieder öffnete. Die einstimmige Wahl zur Vorsitzenden verdankt sie ihrem langjährigen Engagement, vornehmlich im Finanzausschuß. Heute wirkt der Club heller und eleganter als früher, und selbst das Essen soll nicht mehr so schrecklich sein. Barbara Beck ist sicher, daß mit den Damen mehr Leben ins Haus gekommen sei. „Heute ist doch eine nach Geschlecht getrennte Einrichtung für erwachsene Menschen ziemlich seltsam. Viele der Frauen hier haben sehr interessante Berufe. Die Zahl der Mitglieder ist deutlich gestiegen, das Durchschnittsalter jetzt beträchtlich niedriger, uns steht mehr Geld zur Verfügung – das bedeutet bessere Bezahlung der Angestellten und bessere Ausstattung.“ Andere Clubs, meint sie, wären gut beraten, ihre Statuten zu überdenken.