Von Georg Blume

Tokio, im Februar

Er braucht kein Amt, denn er hat die Macht. Das japanische Wirtschaftsblatt Nikon Keizai nannte ihn den "Deng Xiaoping Japans", die New York Times erkannte in ihm den "Paten" der japanischen Politik, der Nouvel Observateur wiederum schilderte ihn als den "Schatten-Shogun".

Doch je länger man Shin Kanemaru, seine Aktivitäten und Ideen zu erforschen sucht, desto mehr stößt man auf Widersprüche und Unerklärtes. Bei seinem Vater, einem Sakebrauer aus der Provinz, hat er jene zähe Tüchtigkeit und jene Respektlosigkeit vor dem Westen erlernt, mit der die Japaner seit ihrer Öffnung zur Welt vor 150 Jahren Geschichte schreiben. Noch tiefer verwurzelt in der gesellschaftlichen Tradition Japans liegt Shin Kanemarus Unfähigkeit, die Menschen in Gut und Böse zu unterteilen. Überhaupt scheint er weniger dazu geneigt, seinesgleichen aus Moral oder Übermut zu verurteilen. Statt dessen versteht er es, die Menschen zu gebrauchen. Ausgestattet mit einem solchen, in Japan häufig anzutreffenden Pragmatismus, entwickelte Shin Kanemaru seine natürliche Begabung zu Kompromiß, Verhandlungsgeschick und zum Geschäft mit jedermann. Sein unermüdliches Taktieren und die damit verbundene Scheu vor der öffentlichen Ausübung von Macht haben Shin Kanemaru zum heimlichen Herrscher über Japan gemacht. So heimlich, daß ihn im Westen kaum einer kennt.

"Ist der denn wirklich so wichtig?" erkundigte sich sogar Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, nachdem ihn Kanemaru Anfang Februar in Tokio dreißig Minuten lang empfangen hatte. Der deutsche Botschafter in Tokio, Wilhelm Haas, ist von der kurzen Unterredung heute noch begeistert: "Immer wenn man denkt, er schläft gerade ein", staunt Haas über Kanemaru, "dann nickt er genau im richtigen Augenblick."

Höchste Geistesgegenwart stellte Kanemaru schon in seiner Jugend als erfolgreicher Judokämpfer unter Beweis. Doch von der körperlichen Geschmeidigkeit früherer Jahre ist dem heute 77jährigen nichts geblieben. Nur noch schlurfend kann er sich bewegen, sein breiter Nacken ist erstarrt, die Stimme kaum noch verständlich. Einmalig war, wie er im November, kurz nachdem er den neuen Premierminister Kiichi Miyazawa ins Amt gehoben hatte, dem japanischen Starjournalisten Hiroshi Kume ein einstündiges Interview gab. Nicht einmal blickte Kanemaru in die Kamera, er sprach mit geschlossenen Augen. Kaum einen Satz formulierte er zu Ende. Und natürlich beantwortete er keine der ihm gestellten Fragen: Schließlich wollte Kume immer wieder wissen, ob es denn demokratischen Verhältnissen entspreche, daß nicht das Volk, sondern "Kanemaru-san" den Regierungschef ernennt.

Kanemaru kann es sich leisten, Fernsehkameras zu ignorieren und Starjournalisten zu brüskieren. Vielleicht ist es das, was ihn am meisten von allen westlichen Politikern unterscheidet. Die Kunst der Verstellung ist im Westen meist schon zur Fernsehshow avanciert – abschätzig betrachten japanische Politiker deshalb den amerikanischen Vorwahlkampf. In Japan finden die entscheidenden politischen Kämpfe wie eh und je hinter den Kulissen statt. Dort, wo mit Ämtern, Geld und viel Finesse um die Macht gepokert wird, hat es Kanemaru zur Meisterschaft gebracht. Als Vorsitzender der größten Fraktion innerhalb der Regierungspartei kontrolliert er heute Kabinett und Parlament, als Vizepräsident der Liberaldemokraten herrscht er über die Partei.