Säuglingssterblichkeit in Deutschland von 1800 bis heute

Von Manfred Vasold

Nur eines von zwei Neugeborenen entwuchs den Kinderschuhen, das andere starb. Das geschah nicht im Mittelalter, sondern vor zweihundert Jahren. Schlimmer noch, im 19. Jahrhundert stieg in Deutschland die Säuglingssterblichkeit noch an, sie erreichte ihren Höhepunkt erst gegen 1870! In den großen Städten lag der Anteil der verstorbenen Säuglinge meist bei 35 bis 40 Prozent aller Toten.

Die Säuglingssterblichkeit – die Sterblichkeit innerhalb des ersten Lebensjahres – war in den einzelnen deutschen Bundesstaaten unterschiedlich hoch: In Preußen stieg sie von den 1820er bis zu den 1860er Jahren von 17,4 auf 21,1 Prozent an; relativ niedrig war sie in seinen westlichen Provinzen, im Rheinland und in Westfalen, aber auch in den ländlicheren Provinzen Pommern und Ostpreußen; sehr hoch lag sie in Berlin, wo sie in diesem Zeitraum von 21,7 auf 31,5 Prozent anschwoll. Noch schrecklicher wütete sie in Bayern, wo sie bis über 30 Prozent anstieg; in einigen Landkreisen – wie Eichstätt, Ebersberg und Ingolstadt – überschritt sie in einzelnen Jahren sogar die 50-Prozent-Grenze.

Überall erwiesen sich die Knaben als weitaus anfälliger denn die Mädchen, so daß sich der ursprüngliche Überschuß an neugeborenen Knaben – von etwa 105 zu 100 – bald ins Gegenteil verkehrte. Ältere Menschen starben am häufigsten im Winter, wenn Erkältungskrankheiten umgingen. Die Säuglinge traf der Tod vor allem im Sommer. Je heißer ein Sommer, desto höher die Säuglingssterblichkeit. Auf den Sommer, dieses eine Vierteljahr, entfiel nahezu ein Drittel aller verstorbenen Säuglinge. Wurden vielleicht in dieser Zeit besonders viele Kinder geboren, so daß der Tod ein weites Feld hatte? Das war keineswegs der Fall, ganz im Gegenteil, sehr viel mehr Kinder erblickten zwischen Februar und April das Licht der Welt.

Warum war gerade damals Säuglingssterblichkeit so hoch und noch steigend? Als weitreichendste Erklärung wird man wohl die Industrialisierung und die Verstädterung nennen müssen. Den Preis für den Fortschritt, den das Zeitalter der Technik dem Menschen auf lange Sicht brachte, bezahlten zunächst die schwächsten Glieder in dieser Gesellschaft, die Säuglinge – und zwar mit ihrem Leben.

Am Ende des vorindustriellen Zeitalters waren viele Menschen in Deutschland von schmächtigem Wuchs. Bis gegen 1830 nahm die Bevölkerung schneller zu als die landwirtschaftlichen Erträge; der Fleischverbrauch war niedrig. Über die Körpergröße und den Ernährungszustand der Frauen sind wir im einzelnen nicht im Bilde; aber die Größe der jungen Männer ist bekannt – sie wurden kleiner. Die Musterungsoffiziere der Armeen klagten immer wieder, daß so viele Wehrpflichtige untauglich und schwächlich waren. Dem weiblichen Teil dieser Gesellschaft wird es gesundheitlich nicht anders ergangen sein. Chronisch unterernährte Frauen, so weiß man heute, bringen nach normaler Schwangerschaftsdauer gewöhnlich kleinere, untergewichtige, weniger lebensfähige Kinder zur Welt.