Von Ulrich Schiller

Charleston, im Februar

Die Zuhörer ahnen es bereits. „Es gibt Leute“, sagt George Bush beziehungsvoll, „die möchten, daß der Rest der Welt einfach verschwindet.“ Aha, jetzt kommt also die Philippika gegen Patrick Buchanan. Jetzt kommt die Auseinandersetzung mit dem republikanischen Neoisolationisten, der dem Präsidenten bei der Vorwahl in New Hampshire so zu schaffen gemacht hat. „Das ist naiv, das ist Defätismus“, fügt Bush im Ton der Anklage hinzu. Beifall hüllt ihn ein, der Applaus der Getreuen und der Standfesten. An die tausend Delegierte der „Führungskonferenz der Südstaaten-Republikaner“ füllen den Ballsaal eines Hotels in Charleston/South Carolina, um sich mit dem Zuspruch ihres Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten für die Vorwahlen im Gürtel der Südstaaten zu rüsten.

Auseinandersetzungen mit dem Herausforderer Buchanan? Wer darauf gewartet haben sollte, sieht sich enttäuscht. Der Clinch mit dem Rebellen findet nicht statt. Hier nicht. Noch nicht. Amerika, sagt der Präsident statt dessen, brauche sich nicht um die Schwarzmaier und Untergangsapostel zu scheren. „Wir sind die Nummer eins, und – da möge sich keiner täuschen – wir werden das auch bleiben“, erklärte er im Brustton der Überzeugung und hämmert mit der Faust aufs Pult. Daß Amerika den Kalten Krieg gewonnen und die Welt sich dank amerikanischer Führungskraft geändert habe, das hatte er am Anfang seiner Rede schon verkündet. Zu einem außenpolitischen Exkurs hatte Bush sich jedoch nicht hinreißen lassen. Wenn Rezession, Steuern und die Krankenversicherung im Mittelpunkt des Wahlkampfes stehen, wagt sich kein Kandidat in die Außenpolitik. Vor allem das Thema Hilfe für die Welt ist tabu. Der Rechtsaußen Pat Buchanan setzt bisher den Ton in dieser Wahlkampfzeit: Kein Geld für die „Globalisten“ beim IWF, sagt er, wenn der Bürgermeister von New York vor dem Dilemma steht, „in der größten Stadt der USA jede vierte Straßenlaterne löschen zu müssen“.

Gleichzeitig mit Bush ist auch Buchanan in Charleston. Ein paar Häuser weiter gibt er eine Pressekonferenz. Er ist verärgert, daß er nicht auch vor der Führungskonferenz der Südstaaten-Republikaner auftreten darf; er empfiehlt der Grand Old Party, ihr Wappentier, den Elefanten, durch ein (feiges) Huhn zu ersetzen und kommt alsbald zur Sache: „George Bush“, erklärt Buchanan unumwunden, „ist kein Konservativer. Wir erleben nur alle vier Jahre eine vorübergehende Imitation.“

Bush und Buchanan in Charleston, das war drei Tage nach den Vorwahlen von New Hamsphire. Die Ergebnisse in diesem kleinen Neuengland-staat haben die amerikanische Innenpolitik in Bewegung gebracht. Bei den Republikanern hat sich die Wahlkampfszene noch mehr verändert als bei den Demokraten. So war es für die Experten ein Schock, daß mit Buchanan ein Fernsehkommentator ohne konkrete politische Erfahrung dem amtierenden Präsidenten 37 Prozent der republikanischen Stimmen abnehmen konnte. Würde sich jetzt etwa die Entwicklung von 1976 wiederholen? Damals war Gerald Ford der Amtsinhaber und Ronald Reagan der Herausforderer. Ford gewann in New Hampshire knapper als Bush (53 Prozent) und erhielt auch die Kandidatur auf dem Parteikonvent zugesprochen, aber die allgemeinen Wahlen verlor er an den Demokraten Jimmy Carter.

Nun ist Pat Buchanan kein Ronald Reagan, aber er sieht sich als Hüter des Reagan-Erbes. Sein Abschneiden in New Hampshire hat diesen Anspruch geschärft. Zwar erhielt er schon wenige Tage danach bei den Abstimmungen in den Parteiversammlungen in Maine, wo Bush mehr als achtzig Prozent der Stimmen gewann, einen Dämpfer, doch er gibt sich weiter selbstbewußt und angriffsfreudig.