Von Benjamin Henrichs

Der König ist verrückt. Der Narr des Königs spielt verrückt, es ist sein Beruf. Der alte Gloster, dem man die Augen aus dem Kopf getreten hat, will sich von einer Klippe zu Tode stürzen – lieber sterben als verrückt werden vor Schmerz. Edgar, Glosters Sohn, spielt den Verrückten, um seinem Vater und den anderen Narren in ihrem Wahnsinn beizustehen.

Verrückte gibt es in allen Stücken Shakespeares, auch in den Komödien. Auch Shakespeares Verliebte sind närrisch, über alles bürgerlich-sentimentale Maß hinaus – der Schuß in ihr Herz ist immer auch ein Schlag in ihr Hirn.

Doch in keinem anderen Stück gibt es so viele Irre und so viel Irresein wie in der Tragödie von "König Lear". Nirgendwo ist am Ende das Häuflein der Überlebenden so klein und so kläglich wie hier. Es ist, als wenn die ganze Welt am Hirnfieber erkrankt wäre – denn auch die, die scheinbar nicht verrückt werden, handeln außerhalb aller menschlichen Vernunft. Hassen, foltern, morden, schlachten – so besinnungslos, als wollten sie die Welt nicht erobern, sondern gänzlich zerstückeln.

Woher aber kommt all der Wahn? Viele pompöse Antworten sind möglich. Weil Gott die Welt verlassen hat. Weil Gott selber verrückt geworden ist. Weil es Gott nicht gibt. Oder: weil der Riß in der Schöpfung mitten durch den Menschen hindurchgeht. Weil es keine Versöhnung, sondern immer nur Krieg geben kann zwischen seinen animalischen Trieben und seiner schwächlichen Vernunft. Und weil der Mensch dies weiß und doch nicht ändern kann.

Dieter Dorn, der jetzt den "König Lear" (in einer neuen, klugen Übersetzung Michael Wachsmanns) an den Münchner Kammerspielen inszeniert hat, gibt auf all diese bleiern-philosophischen Fragen keine Antwort. Er stellt die Fragen erst gar nicht. Trotzdem erklärt seine Aufführung, woher die Krankheit in den Menschenköpfen kommt. Doms Antwort ist verblüffend simpel (aber deswegen muß sie ja nicht falsch sein). Der Anfang allen Wahnsinns ist Liebe.

Der König tritt auf, mitsamt Familie und Gefolge. Alle werfen sich bäuchlings vor ihm auf die Erde. So ist es im Lande Lears der finstere Brauch. Doch vor dieser großen, martialischen Szene hatte es einen kleinen, ganz lichten Moment gegeben: Cordelia, die jüngste Tochter Lears, hatte versucht, ihren Vater vor dem Staatsakt zu küssen. Und der König hatte, weil er ja König sein muß, die verliebte Attacke scherzend abgewehrt.