Von Konrad Heidkamp

Anyway ... der genervte Satzanfang eines Egomanen, der wieder, einmal unterbrochen wurde, der sich am liebsten selbst auf einen neuen Gedanken bringt und die Themen seiner Monologe bestimmt. Zwischenrufe, Fragen zu seiner Musik sind erlaubt, aber – auf jeden Fall – kommt er auf das zurück, was ihm wichtig ist. Anyway ... Lou Reed.

Seine alten Velvet-Underground-Sachen aus den sechziger Jahren. Es wäre schön, sie wiederzuhören: "Sweet Jane", "I’m Waiting for my Man", "Pale Blue Eye" ... Die Zeiten haben sich geändert, Lou Reed nimmt das auch für sich in Anspruch, und wem – außer Lou Reed – sollte er mehr glauben? Veränderung. Vielleicht, weil er Deutschland jetzt liebt, während er vor Jahren – nach seiner Verhaftung in Offenbach – geschworen hatte, nie mehr in Deutschland aufzutreten? Weil er jetzt in Konzerten nur noch Stücke aus seinen drei letzten Platten "New York", "Songs for Drella" und "Magic and Loss" spielen will und die Vergangenheit als Gedichtband "Between Thought and Expression" zwischen Buchdeckeln gepreßt vorliegt? Weil er sich als Schriftsteller sieht, der das falsche Genre gewählt hat?

Wer den neuen Lou Reed sucht, findet den alten. Trotz braunem Samtsakko, achteckigem Sonnenbrillenaufsatz, trotz Zigarillo. Etwas entgegenkommender, intellektueller, ruhiger, aber immer noch direkt und reserviert, trotz aller bemühter Verbindlichkeit. Er doziert wie immer, hält – wie seit zwanzig Jahren – sein neuestes Album für sein bestes, versteckt sich hinter endlosen Erläuterungen über den passenden Sound, die richtigen Gitarren und erzählt, wie man Leben in Kunst verwandelt.

Am Ende glaubt man das alles. Alles, was man gelesen hat, weil man es zu oft gelesen hat. Daß Lou Reed und die Velvet Underground die erste Band waren, die von Sex, Drogen, Gewalt und Tod sangen, daß Lou Reed zum ersten Mal Literatur mit Rockmusik verbunden hat, daß man sich nicht schämen muß, älter als dreißig zu werden. Am Ende.

Am Anfang war alles anders. Eine sachliche, zynische Stimme, deren warmer New Yorker Sing-Slang hypnotisch einlullte – monotone Rhythmen und Geräuschschichten, die dem Klangideal des Free Jazz näherstanden als dem Melodiepop oder den Gitarrenvirtuosen der sechziger Jahre. Man verliebte sich in diese Mischung – vier Platten lang – und wußte erst 1972, als Velvet Underground Geschichte war, als die ersten Soloalben Lou Reeds und John Cales erschienen, wer da wofür verantwortlich gezeichnet hatte. Die Themen, die Texte, die historische Bedeutung? .. I guess that I just don’t know."

Die Nähe blieb. Zwanzig Jahre, zweiundzwanzig Platten, vom schwulen "Transformer" zum geschminkten "Rock’n’Roll Animal", vom verfetteten average guy zum Literaturdozenten mit Haarzöpfchen. Platten wie Tagebücher, peinlich, großartig, nagend, zum Versinken und zum Wegwerfen. Was natürlich niemand machte. Am 2. März, inmitten seiner jetzt beginnenden Deutschlandtournee, wird Lou Reed fünfzig. Er ist so gut und so schlecht wie immer.