Von Peter Christ

Ein Wald von turmhohen Hebekränen überragt die weitläufige Baustelle. Riesige Werkhallen wachsen zügig aus. dem Boden. In Mosel, einem kleinen Ort nördlich der Kreisstadt Zwickau im Westen Sachsens gelegen, baut Volkswagen eine hochmoderne Autofabrik.

Knapp zweihundert Kilometer weiter westlich, in Eisenach, eine ähnliche Szenerie: Im Weichbild der Stadt ziehen Bauarbeiter neue Gebäude hoch, zerklüften Bagger das Gelände, schwenken Kräne schwere Lasten. Opel baut ein neues Werk, das dem der Konkurrenz in Mosel an Modernität nicht nachstehen wird; das Stahlwerk Benteler klotzt nebenan eine neue Fabrik in die Landschaft; auch Bosch schafft hier Arbeitsplätze.

Der deutsche Osten – eine blühende Landschaft, so wie es der Bundeskanzler unablässig verspricht, das Japan Europas gar, mit den modernsten Fabriken, der höchsten Produktivität, den sattesten Löhnen, der besten Infrastruktur – wie Optimisten schwärmen?

Oder kommt das Mansfelder Land zwischen Harz und Halle der wirtschaftlichen und sozialen Realität in den fünf neuen Ländern näher? Schon am hellichten Vormittag hocken ein halbes Dutzend Männer auf einer Mauer neben dem Rathaus in Eisleben, trotzen Nieselregen und Kälte, nippen mit glasigen Augen gelangweilt an den Bierdosen und schlagen die Zeit tot, die ihnen die Arbeitslosigkeit so unverhofft und reichlich beschert hat.

Von Aufschwung und Aufbruchstimmung ist in dieser gebeutelten Region (siehe Dossier vom 8. März 1991: „In Freiheit verödet“, ZEIT Nr. 11) nichts zu spüren. Es gibt keine spektakulären Ansiedlungen großer Unternehmen aus dem Westen, die Tausende neuer Arbeitsplätze bieten und Ersatz schaffen für die zerbröselnde heimische Wirtschaft, so wie es in Mosel und Eisenach geschieht. Unter den Trümmern der alten Wirtschaftsordnung regt sich wenig neues Leben.

Hier trifft zu, was erst am Wochenende wieder nüchterne Politiker aus Ost und West laut beklagten. Der brandenburgische CDU-Vorsitzende Ulf Fink etwa warf der CDU-geführten Bundesregierung vor, daß ihre Wirtschaftspolitik im Osten versage. Es gebe keine Strukturpolitik, die „eine Verödung ganzer Industrieregionen“ verhindere. Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe ließ Zweifel laut werden, daß die soziale Marktwirtschaft sich im Osten entfalten könne. Und der SPD-Ehrenvorsitzende Willy Brandt meinte, nur eine konzertierte Aktion, in der Regierung, Bundesbank, Unternehmer und Gewerkschaften regelmäßig die Probleme der neuen Bundesländer „durchkneten“ würden, brächte dem Osten endlich den Aufschwung.