Von Klaus Hartung

Im Streit um die Stasi-Vergangenheit zeigt sich wieder einmal das nationale Handicap beim Umgang mit der Öffentlichkeit. Die widerwärtige Erscheinungsweise der Wahrheit empört die selbstlosen Freunde der reinen Wahrheit. So liegt Presseschelte nahe. Aber, „was wäre die Wahrheit, wenn sie nicht erschiene“, sagt Hegel. Mit anderen Worten: Wer in der Stasi-Debatte vor allem darüber streitet, wie debattiert werden sollte – und das ist hierzulande typischerweise die Mehrheit –, hat kein sonderliches Interesse an der Wahrheit. Die Skandalsucher und die Schmutzaufwirbler sind die Büttel der Aufklärung und keine Scharfrichter. Die Aggression der Neugier und die Lust an der Entlarvung aus der Öffentlichkeit zu eskamotieren heißt, die Öffentlichkeit zu ersticken.

Die Wut, die Kränkung und auch die Larmoyanz vieler ostdeutscher Bürgerrechtler in dieser Stasi-Debatte wird dabei nicht überhört. Nicht nur Wolfgang Thierse und Friedrich Schorlemmer reden von journalistischem Henkertum, vom moralischen Plattmachen der DDR-Vergangenheit, vom Bürgerkrieg West gegen Ost. Aber wie beruhigend weit entfernt ist doch die Realität, die in solchen Worten steckt. Nicht eine generelle moralische Diskriminierung der Ostdeutschen findet statt, sondern eine Kollektividentifikation der Ostdeutschen als Opfer. Möglicherweise erleichtert es die Opferrolle, mit jener Härte fertig zu werden, in der das kapitalistische Hier und Jetzt das realsozialistische Gehäuse und alle Daseinssicherheit zersetzt hat.

Mir scheinen aber auch die Erfahrungen der Diktatur durchzuschimmern, wo die öffentliche Anklage gleichbedeutend mit dem Urteil war. In der demokratischen Öffentlichkeit führt der Weg nur selten zur Verurteilung, häufiger zur Gegenanklage. Oft wird sie nach einiger Zeit vergessen. Die Menschen beteiligen sich an der Öffentlichkeit, indem sie urteilen.

Sie basiert eben auf dem Vertrauen, daß in der Pluralität sich eine Wahrheit herausschält, mit der man einigermaßen leben kann. Ich glaube, daß dies auch mit der Stasi-Debatte nach einiger Zeit geschehen wird.

Doch die Suche nach einwandfreien Maßstäben ist problematisch. Da dämmert am Horizont eine Art freiwilliger Selbstkontrolle bei der Akteneinsicht auf, am besten geübt von einem eingetragenen Verein unter Vorsitz eines Pfarrers. Zwei Ideen stehen dabei im Vordergrund; sie wurden jüngst bei der Gründung des „Forums der Aufklärung und Erneuerung e. V.“ in Leipzig noch einmal unterstrichen. Zum einen soll die Vergangenheitsbewältigung das Werk der Ostdeutschen selbst sein. Nun, niemand kann den Ostdeutschen diese Vergangenheit rauben, obwohl sie genau das den westdeutschen Journalisten vorwerfen. Aber in dieser Absicht schwingt die Idee eines sozialpädagogischen Cordon sanitaire um die Ostdeutschen mit. Sie ist falsch, allein, weil es zu viele Westdeutsche gibt, die im Namen der deutsch-deutschen Versöhnung für Zurückhaltung eintreten, aber in Wahrheit vom Ostdeutschen gar nichts wissen wollen.

Mit den Stasi-Akten wird für die Ostdeutschen die Schattenseite ihres Alltags aufgedeckt; für den Westdeutschen wird die DDR-Wirklichkeit überhaupt erst nahegerückt. Ein Zerrspiegel, gewiß, aber der Wirklichkeit näher als 25 Jahre DDR-Forschung. Natürlich wollen die Westdeutschen am liebsten gleich erfahren, was ein Inoffizieller Mitarbeiter empfand, als er seine Ehefrau bespitzelte. Auf der anderen Seite tauchen aber auch unvermeidlich die Fragen danach auf, wie man sich wohl selbst verhalten hätte und wie wir uns mit der Nazi-Diktatur auseinandergesetzt haben. Diese Obertöne und Untertöne machen die Debatte wichtig.