Von Rudolf Treumann

MÜNCHEN. – Fast ist es ein physischer Schmerz, der mich durchfährt. Fast auch ein kaum zu bändigender Lachreiz über das schier grenzenlose Maß an Naivität, das mir aus vielen westlichen Äußerungen zum Stasi-Problem entgegenschlägt. Es zeigt das in Intellektuellenkreisen so weit verbreitete, um der Nachsicht willen nachsichtige, kindlich uneinsichtige „Das kann doch nicht so sein!“, das mich frappiert. Es geht um die Suche nach den Stasi-Unbefleckten in Ostdeutschland.

Wäre ich ein Befleckter, ich würde die häufig geäußerte These von der Stasi als unentbehrlicher Klagemauer der DDR und als Transmissionsriemen für Informationen von unten nach oben allen meinen Kritikern entgegenschleudern. Da seht ihr es, würde ich sagen. Wir haben ja doch nur euer Bestes gewollt! Ohne uns hätten die oben nicht gewußt, was unten los ist, da ihr ja freiwillig nichts von euch gegeben habt, Duckmäuser und Heimlichtuer, die ihr alle wart (und noch seid)! Wir mußten euch die Informationen buchstäblich aus der Nase ziehen in den Verhören, sie aus euch herauslauschen in den Gesprächen, an denen wir teilnahmen, ohne daß ihr wußtet, daß wir dazugehörten (und natürlich wußten wir auch nicht, ob nicht vielleicht auch ihr dazugehörtet und gleichzeitig – vielleicht – auch wieder über uns berichtetet)!

Wenn ihr wüßtet, welche Überwindung dazugehört, uns auf euch anzusetzen, euch Gespräche aufzuzwingen, eure medizinischen Akten heimlich zu studieren, wie wir es weiland bei Kunze getan haben, weil wir ja sonst nicht an eure psychisch schwachen Stellen herankamen und nicht genug Druck auf euch ausüben konnten. Zu was wir uns nicht alles erniedrigen und hergeben mußten, nur damit die da oben informiert waren, wie es um eure Meinung, um die Stimmung im Lande, um euer Wohl bestellt war!

Eigentlich solltet ihr es uns danken, statt euch jetzt die Mäuler über uns zu zerreißen und uns öffentlich zu diffamieren. Doch was tut ihr jetzt? Sitzt ihr nicht da, untätig, und mault und grabt in den alten Akten, statt euch mit eurem Denken und Tun nach vorn auszurichten?

Genau das würde ich sagen, gehörte ich zu diesem Kreis. Und es ist eine Wahrheit, wenn auch eine perverse. Das System brauchte die Informationen, um den von ihm aufgebauten Unterdrückungsapparat am Laufen zu halten, um die Angst der Leute zu schüren. Ihre Heimlichkeit, ihr Mißtrauen, ihr Widerstreben, sich öffentlich zu äußern, und wenn, dann zu lügen, war ja nicht ihre Natur, sondern durch das System erzwungen. Das alles sind simpelste Banalitäten, offensichtlich für jeden, den nicht persönliche Sympathien blenden. Wer selbst Jahre seines Lebens in der DDR vergeudet oder das Land besucht hat, kennt die Gangart der Befleckten.

Diese Nüchternheit ist es, die gefordert ist. Man kann nicht seine Zeit mit Jammern und Wehklagen vertun und die Hände im Schoß halten. Es muß vorangehen. Daß ein Nachholbedarf an Information über die Schlechttaten des Systems und seiner vielen, vielen Helfer besteht, ist einsehbar. Die Menschen in den neuen Bundesländern sollen ihre Informationen haben. Sie sollen wissen, wer über sie schlecht geredet hat. Und die, die das getan haben, sollen sich schämen und sich äußern müssen, sie sollen, wenn es schlimm war, keine verantwortlichen Positionen einnehmen dürfen.