Von Wolfgang Blum

In den niedersächsischen Gemeinden Tespe und Marschacht in der Elbmarsch grassiert die Angst. Innerhalb von zwei Jahren erkrankten sechs Kinder an Leukämie. Der Verdacht für den Grund der erhöhten Krebsrate liegt nahe. Unweit des Ortes stehen das Kernkraftwerk Krümmel sowie zwei nukleare Forschungsreaktoren. Ob die drei Atommeiler wirklich die Quelle des Unglücks darstellen, ist allerdings nicht erwiesen.

Wissenschaftler haben die Leukämieraten in der Umgebung kerntechnischer Anlagen schon häufig untersucht – mit widersprüchlichen Ergebnissen. Mitte Februar stellte Jörg Michaelis das Resultat der bisher umfangreichsten deutschen Studie vor: "Wir fanden keinerlei Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen radioaktiver Strahlung und Krebsraten bei Kindern unter 15 Jahren", faßte der Leiter des Mainzer Kinderkrebsregisters das Ergebnis zusammen. Als er vor drei Jahren seine Arbeit begann, gab es Anlaß zur Sorge. Statistiker berichteten von erhöhten Leukämieraten bei Kindern in der Nähe der Kernreaktoren Würgassen, Garching und Neuherberg.

In ihrer Methodik orientierten sich Michaelis und seine Mitarbeiter an der bisher größten englischen Studie. Diese ergab vor drei Jahren erhöhte Leukämieraten bei Kindern und Jugendlichen, die in der Nähe von Atomkraftwerken lebten. Allerdings nahmen die Raten zu mit steigender Distanz zum Meiler, ein paradoxes Ergebnis.

Die Mainzer stellten Regionen um zwanzig westdeutsche kerntechnische Anlagen Vergleichsgebiete gegenüber, die eine möglichst ähnliche Bevölkerungsstruktur aufweisen und nicht mehr als hundert Kilometer entfernt sind. Über eine Million Kinder gingen so in die Studie ein. Im Beobachtungszeitraum – von 1980 bis 1990 – erkrankten 1610 von ihnen an Krebs.

Im Umkreis von fünfzehn Kilometern um die Kernkraftwerke ermittelten die Epidemiologen sogar eine niedrigere Krebsrate als in den Vergleichsregionen. Beide Krebsraten lagen deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Letzteres führen die Wissenschaftler auf den ländlichen Charakter der untersuchten Gebiete zurück. Die Erfahrung lehrt, daß in Städten Leukämien häufiger vorkommen als auf dem Land.

Im Radius von fünf Kilometern um Kernkraftwerke traten im Vergleich zur Kontrollgruppe vermehrt Leukämiefälle auf. Bei den Kindern unter fünf Jahren waren es sogar mehr als dreimal so viele. Wegen der Seltenheit dieser Krankheit sind die Zahlen jedoch sehr klein. (Im Durchschnitt erkrankten jährlich vier von 100 000 Kindern daran.) Die Mainzer Epidemiologen konnten daher nicht ausschließen, daß die Häufung auf einem Zufall beruht. Vor allem aber kommt die dreifache "Erhöhung" in Kraftwerksnähe dadurch zustande, daß die Werte in der (kraftwerksfernen) Vergleichsgruppe auffällig niedrig sind im Vergleich zum Bundesdurchschnitt. Der Verdacht drängt sich auf, daß hier andere Faktoren als die Kernkraftnutzung ausschlaggebend sind. So ergab eine spezielle Analyse alter Kraftwerksstandorte (weil man bei den Veteranen besonders hohe Strahlenbelastungen vermutete) sogar eine siebenfache "Erhöhung" der Leukämieraten. Auch diese kam jedoch zustande, weil die Werte in den entsprechenden Vergleichsgruppen verblüffend niedrig lagen.