Von Erhard Eppler

Es war wohl schon immer so: Was einmal geschehen ist, gilt plötzlich als selbstverständlich, weil es so geschehen ist, obwohl es für die Handelnden – und auch die Beobachter – vorher keineswegs selbstverständlich und häufig sogar ganz unwahrscheinlich war.

Heute kommt hinzu, daß wir uns, sogar zur Geschichte, als Konsumenten verhalten. Katastrophen und Bürgerkriege konsumieren wir, hilflos, wie wir einen besonders brutalen Krimi konsumieren. Was günstiger, glücklicher abläuft, als wir erwartet haben, konsumieren wir wie eine gelungene Fernsehserie. Dankbarkeit kann da nicht aufkommen. Und auch kein Nachdenken darüber, warum alles viel besser als befürchtet gekommen ist.

Statt dessen fangen wir an zu richten. Und dabei verschwenden wir keinen Gedanken daran, ob – hätten sich alle so verhalten, wie unsere hohe Moral es nachträglich von ihnen verlangt – die verblüffenden Ereignisse auch eingetreten wären, ohne die wir auf dem hohen Roß gar nicht säßen.

Zu dem, was wir an Geschichte konsumiert haben, gehört nicht nur der ganz und gar überraschende Zusammenbruch des kommunistischen Systems, sondern auch die Gewaltlosigkeit, in der dieser Umbruch – wenn wir von Rumänien absehen – geschehen ist. Dabei hat uns dies noch viel gründlicher verblüfft als der Zusammenbruch selbst.

Wer von uns, im Westen wie im Osten, der etwas von kommunistischer Diktatur zu verstehen glaubte, hätte noch im Sommer 1989 darauf gewettet, daß die Kommunisten in der DDR und anderswo ihre totale Macht abgeben würden, ohne den gewaltigen und allgegenwärtigen Sicherheitsapparat einzusetzen, den sie für solche Fälle aufgebaut und trainiert hatten?

Wann haben wir uns still und dankbar darüber gewundert, daß – ganz entgegen unseren Erwartungen – alles so friedlich und gesittet vor sich ging?