Von Matthias Naß

Spät genug, aber nicht zu spät, erging der Marschbefehl an die Blauhelme. Einstimmig beschloß der Weltsicherheitsrat am Freitag voriger Woche, eine Friedenstruppe nach Jugoslawien zu entsenden. Von wenigen Scharmützeln abgesehen, schweigen seit dem 3. Januar auf dem Balkan die Waffen. An diesem Tag trat die vom UN-Vermittler Cyrus Vance ausgehandelte Feuerpause, die fünfzehnte im Jugoslawienkrieg, in Kraft. "Wir müssen die Gelegenheit ergreifen, solange der Waffenstillstand hält", sagte der russische UN-Botschafter Julij Woronzow vor der Abstimmung im Sicherheitsrat. "Das Fenster der Gelegenheit ist sehr, sehr klein."

Bevor es wieder zuschlug, haben die Vereinten Nationen nun knapp 14 000 Soldaten für zunächst ein Jahr den Einsatzbefehl gegeben. Generalsekretär Butros-Ghali ist sich der Risiken dieser größten Friedensmission seit dem Eingreifen der Uno im Kongo 1960 wohl bewußt. Aber, so schrieb er in seinem Bericht an den Sicherheitsrat: "Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluß gekommen, daß es besser ist, ein Scheitern einer Friedensmission der Vereinten Nationen durch mangelnde Kooperation der Parteien zu riskieren, als durch ein Verzögern der Entsendung einen Bruch des Waffenstillstands und eine neue Ausdehnung der Gewalt in Jugoslawien zu provozieren."

Die Schutztruppe der Vereinten Nationen (UNPROFOR) soll in drei Zonen – in Ostslawonien, Westslawonien und in der Krajina – stationiert werden. Aus diesen Gebieten, allesamt auf kroatischem Territorium, sollen sich die jugoslawische Bundesarmee und die kroatische Nationalgarde zurückziehen; die Freischärlerverbände beider Seiten sollen ihre Waffen niederlegen. Diesem von Cyrus Vance ausgearbeiteten Friedensplan haben die Führungen in Belgrad und Zagreb zugestimmt. Am Ende gab auch Milan Babic, der selbsternannte Präsident der Serbischen Republik Krajina, seinen Widerstand gegen die UN-Truppen auf; vehement hatte er sich zuvor gegen die Entwaffnung seiner Milizen gewehrt.

Die Ankunft der UN-Soldaten aus 31 Ländern wird noch nicht das Ende des Krieges bedeuten, in dem bisher etwa 6000 Menschen starben. Ihr Auftrag ist es, so formuliert es die Sicherheitsrats-Resolution, "die Bedingungen des Friedens und der Sicherheit zu schaffen, die für Verhandlungen über eine umfassende Beilegung der Jugoslawienkrise erforderlich sind". Eine dauerhafte politische Lösung des Konfliktes soll nach dem Willen der Vereinten Nationen in der Jugoslawien-Konferenz der Europäischen Gemeinschaft gesucht werden. Damit beginnt für den britischen EG-Unterhändler Lord Carrington die zweite Etappe seiner schwierigen Mission. Er muß nun einen Kompromiß suchen zwischen der Forderung Zagrebs nach vollständiger Souveränität über die von der Bundesarmee eroberten Gebiete und dem unveränderten Ziel Belgrads, diese von Serben bewohnten Regionen der eigenen Republik anzugliedern.

Ob es Lord Carrington gelingen kann, rasch eine politische Regelung zu finden, muß bezweifelt werden. Der Sicherheitsrat sieht die Gefahr einer neuerlichen militärischen Eskalation bei einem Scheitern seiner Friedensbemühungen: Anders als bei früheren Friedensmissionen, kann daher diesmal keine der Konfliktparteien einen vorzeitigen Abzug der Blauhelme verlangen; allein dem Sicherheitsrat obliegt es, die Blauhelme zurückzurufen. Butros-Ghali will so den Druck auf Serben und Kroaten verstärken, sich auf eine tragfähige politische Lösung zu verständigen.

Streit gibt es am East River noch über die Finanzierung der Friedenstruppen. Die vom UN-Sekretariat errechneten Kosten von 634 Millionen Dollar erscheinen vor allem den Amerikanern überzogen, die einen Anteil von dreißig Prozent tragen müssen. Zumindest für die Unterbringung der Blauhelme, verlangt Washington, müßten Kroaten und Serben selbst aufkommen. Zunächst soll deshalb ein Vorauskommando nach Jugoslawien geschickt werden, um die endgültige Truppenstationierung vorzubereiten.