Andrzej Szczypiorski ist ein amüsanter Romancier; sehr belesen kann er nicht sein. In einem Plädoyer gegen das „idiotische“ Publikmachen der Stasi-Akten sagt der polnische Autor von den deutschen Intellektuellen: „Bis heute haben sie keine große Literatur über die Schuldfrage des deutschen Volkes während der Zeit des Dritten Reiches und während der Zeit der DDR hervorgebracht.“ Barer Unsinn. Romane wie „Die Blechtrommel“ oder Uwe Johnsons „Jahrestage“ haben genau das geleistet: Schuld und Versagen der Deutschen unter zwei Diktaturen auf literarisch höchstem Niveau zu verarbeiten. Johnsons rigide moralische Verwerfung des DDR-Sozialismus müßte noch heute jeden „Es war ja alles halb so schlimm“-Ton verstummen lassen. Das Alphabet der deutschen Nachkriegsliteratur ließe sich gegen Szczypiorskis Verdikt anführen – von A wie Andersch über B wie Böll und C wie Celan bis zu Z wie Zuckmayer. Die eine These Szczypiorskis stimmt also nicht. Stimmt die andere?

Gerät die Stasi-Debatte zur Hexenjagd, füttert die öffentliche Verwendung von Akten einen Denunziationsrausch? Die banale Wahrheit einmal vorausgesetzt, daß hauptamtliche Stasi-Leute nicht „Kronzeugen“ sein können und ihr Material nicht ungeprüft als echt akzeptiert werden kann, scheint mir eher Günter de Bruyn recht zu haben, wenn er sagt: „Ich sehe diese Rachementalität nirgendwo. Als Zeitungen vor einiger Zeit die Adressen von führenden Stasi-Leuten veröffentlichten, hat man auch Lynchjustiz befürchtet. Aber nichts ist geschehen. Eine solche Stimmung gibt es nicht, eher die gegenteilige: daß man zu schnell vergißt.“

Eben. Es ist kein Zufall, daß es ein Schriftsteller ist, der sich gegen „Vergessen“ wehrt. Als hätte der Grundsatz „Nun laßt doch die alten Sachen ruhen“ nicht schon einmal die kulturpolitische Grabesruhe der Bundesrepublik bestimmt. Jetzt heißt die Sache „innerer Friede“ – und den sollen bitte die Biermanns, Kunzes und Kunerts nicht stören. Wobei ein interessanter double think hinzukommt: Verständlich und richtig finden wir, daß die FBI-Überwachungsakten von Anna Seghers veröffentlicht wurden, hüten als Inkunabel die Schallplatte mit dem Verhör Bertolt Brechts vor dem „Unamerican Activities Committee“ und applaudierten auch Max Frisch wie Friedrich Dürrenmatt, die voller Empörung Einblick in ihre Überwachungsakten der Schweizer Sicherheitsbehörden verlangten. Das hat Andrzej Szczypiorski nicht „eine geistige Krankheit“ genannt. Aber die Bücher von Loest und Kunze, die auf „ihren“ Stasi-Akten basieren – ist das geistige Krankheit, Ausgeburt eines „deutschen Masochismus“?

Der argentinische Präsident Menem wird bedankt, weil er (uralte, vermutlich wenig brisante) Nazi-Akten freigibt – aber Leute, die Jahre hindurch Menschen verfolgt, psychisch und physisch ruiniert haben, das sind nun, im Herzchen-Vokabular, „eine kleine Ratte“ oder „ein armer Kerl“, denen man nicht böse sein soll. Verquere Dialektik. Einleuchtender scheint dann doch, was Joachim Gauck sagt: „Es wäre töricht zu erwarten, daß innerer Friede aus Unsicherheit wachsen könnte. Ich kann mir eine vertrauensvolle und friedvolle Atmosphäre innerhalb der Gesellschaft, zumindest in diesem Teil Deutschlands, nicht vorstellen, ohne daß die ehemals Unterdrückten und Bespitzelten das Recht hätten zu wissen, was über sie ausspioniert worden ist.“

Es geht nicht um Treibjagd. Die macht vielleicht Super Spaß. Niemandem sonst. Ob nun gleich ein „Forum der Aufklärung und Erneuerung e.V.“ (mit Kassenwart?) gegründet werden muß, ob der in dieser Zeitung geforderte „nationale Dialog“ organisiert werden kann oder die Grasssche Vorstellung von einem „gesamtdeutschen Geschichtsforum“ die richtige ist: Fertige Rezepte gibt es nicht. Das schlechteste von allen aber scheint mir ein administriertes Schweigen, wie es dem hessischen Ministerpräsidenten Hans Eichel vorschwebt, der Reißwolf als Gott der Geschichte – eine Art Stasi-Tschernobyl: Beton drüber und Schluß. Aber selbst diese Ruine strahlt noch. Fritz J. Raddatz