Postkapitalismus in den USA: Robert N. Bellahs Entwurf für eine bessere Gesellschaft

Von Sven Papcke

Im Dezember des Jahres 1906 hält Albion Woodbury Small ein Grundsatzreferat auf dem ersten Kongreß der im Vorjahr gegründeten „American Sociological Society“. Unter dem Titel „Worüber alle Soziologen einer Meinung sind“ nennt der bekannte Gelehrte, Jahrgang 1854, all jene Thesen, auf die sich die Zunft verständigt hat. Der soziale Wandel sei der Evolution gleich als Höherentwicklung aufzufassen. Daraus ergebe sich der Auftrag an das Fach, diesen Fortschritt nach den Verhaltensmustern des menschlichen Zusammenlebens zu steuern. Denn die Sozialwelt rühre aus dem Tun und Lassen der Menschen her, und das folge nicht immer der Vernunft einer public choice.

Diese Rede von Small mutet heute euphorisch an, hoffte er doch noch ernsthaft, Gesetze des Soziallebens zu entdecken. Mittlerweile sind wir abgeklärter. Die Sozialwissenschaften haben den großen Erwartungen an ihre Anwendbarkeit in der Praxis selten entsprochen. Die sozialreformerische Hoffnung, die Small vortrug, verband ihn aber durchaus mit den Gründern seiner Disziplin. Das frühneuzeitliche Massenelend hatte die Sozialwissenschaften ins Leben gerufen, die durch eine ebenso kompetente wie unvoreingenommene Durchleuchtung des Sozialgeschehens solche Extremlagen abzubauen versprachen. Entsprechend verordnete Auguste Comte der Soziologie in seinem „Plan der wissenschaftlichen Arbeiten, die für eine Reform der Gesellschaft notwendig sind“ (1822) einen entschiedenen Meliorismus.

Schlüsselwort Angst

Während hierzulande die gegenwartsdiagnostische Soziologie seit langem an Boden verlor – zugunsten einer eher explikativen Unverbindlichkeit –, ist der Reformelan in den USA bis heute von Bedeutung. Das zeigt auch eine neue Studie, die sich mit den sozialen Kosten des rugged individualism als Erbe der amerikanischen Siedlertradition beschäftigt. Sie rief in der in den Vereinigten Staaten laufenden Debatte über das Pro und Kontra einer fürsorglichen Gesellschaft („caring society“) erhebliches Aufsehen hervor.

Die breite Wirkung dieses Buches beruht sicherlich nicht allein darauf, daß sich die Autorengruppe um Bellah, Jahrgang 1927, ausdrücklich zu einer evaluativen Soziologie als Orientierungswissenschaft bekennt und ihre Bedenken gegen die werturteilsenthaltsamere Arbeit des Faches äußert. Wichtiger scheint zu sein, daß die Verfasser als concerned scholars nachdrücklich in den Hegemoniestreit hineinwirken, der in Amerika seit geraumer Zeit öffentlich ausgetragen wird zwischen den populären Selbstverwirklichungstheorien und den eher sozialorientierten Weltbildern.